Der Film der Filme, zu dessen Entstehungsgeschichte und Handlung sicherlich nichts mehr gesagt werden muss, erschien mir immer deutlich überladen und zu explizit - doch die zweite Chance nach langen Jahren hat ihm und mir gutgetan. Es gibt schon viele Momente, in denen man sich dem Zauber dieses prachtvollen Überwältigungskinos nicht entziehen kann. Daneben hat die Geschichte, in der eine alte Gesellschaftsordnung und persönliche Gewissheiten parallel vom Winde verweht werden, durchaus ihren Reiz jenseits des Schmonzettenniveaus. Zwar lenken die aus meiner Sicht zu große Länge und Zahl an Nebenrollen sowie reinen Schauwertszenen oftmals von der Geschichte ab, zumal gerade in den Kriegsleidens- und Farmarbeitsszenen Menschen zum reinen Ornament des Bildes verkommen. Aber es gibt genug zu entdecken und zu bewundern in diesem Film. Zwar ist Vivien Leighs Scarlett zu Beginn eine alberne Aufschneiderin ohne Mumm, die Bette Davis ("Jezebel" und Linda Darnell ("Forever Amber") zum Frühstück verspeist hätten. Aber sie wandelt sich, wird beispielsweise durch die Umstände der Flucht zu einer hart kämpfenden Frau, und die Kamera (Ernest Haller) wird nicht müde, jeden Schweißtropfen auf ihrem Gesicht einzufangen. Zwar spielt Clark Gable den Scarlett durchschauenden und dies frech grinsend auskostenden Rhett Butler fast wie eine Karikatur seines Leinwandimages. Doch er wird in der Schlussphase ebenfalls eine (entgegengesetzte) Wandlung vollführen und Gefühle zeigen - sowie dadurch Schwächen und sogar tragische Verzweiflung. Zwar neigt der Film gelegentlich zum Geschwätzigen und erklärt die Gefühlslagen lang und breit; er lässt z.B. Leigh oft monologisch etwas sagen, was man eigentlich nur denken würde. Aber dann ist er wieder herrlich indirekt-metaphorisch und doch erfrischend deutlich, wenn es z.B. um "das eine" geht (man bedenke nur die Szene mit der Tür, die Scarlett verschließt und die Rhett ja doch aufbrechen könne, was er auch tun wird... - Vergewaltigung anno 1939!). Mal geht uns die Gutmütigkeit von Melanie Wilkes (Olivia De Havilland) gewaltig auf die Nerven. Aber dann wird die ewige Frage, ob sie von Scarletts Liebe zu ihrem Mann Ashley wusste, auf eine sehr schöne und stimmige Weise aufgelöst. Mal sind diese enervierenden Betonungen von Sitte und Anstand im traditionsbewussten Süden reichlich penetrant. Aber dann ist der Film eben doch nicht bigott und lässt eine eindeutig als Hure zu identifizierende Frau namens Belle in vielen Schlüsselszenen sehr positiv wegkommen, wobei er auch noch betont, dass es wichtigere Werte als das Bewahren der gesellschaftlichen Grenzen gibt. Mal wirkt der gelb-oder glutrote Himmel nun doch sehr übertrieben und auf den Schaut-was-Technicolor-alles-kann-Effekt hin konstruiert. Aber dann bestaunen wir eine ausgeklügelte Farbdramaturgie in den Innenaufnahmen und bei den Kostümen, in denen aber auch nichts an Bedeutungen von Primärfarben ausgelassen wird, so dass Susanne Marschall in ihrer Habilitationsschrift "Farbe im Kino" den Film mit Recht mehrmals erwähnt.
So läuft die junge Scarlett in jungfräulichem Weiß herum, öffnet sich aber mit einer kleinen roten Applikation am Hut - passend zum Lippenstift - vielleicht schon der Liebe und dem sexuellen Begehrtwerden. Hier kann man nicht nur das "Rot ist die Liebe" eines bekannten Reimes sehen, sondern auch das Rot, welches halt beim "ersten Mal"... Siehe beispielsweise die Vergewaltigungsszene, in der Rhett Scarlett über eine blutrote Treppe nach oben trägt und die Kamera das Oben so verdunkelt, dass Rhett optisch gesehen in ein, pardon, schwarzes Loch eindringt. Grün signalisiert bei Scarlett immer eine optimistische Aufbruchstimmung, Hoffnung - einen Mann zu erobern, einem Mann Geld abzupressen, was auch immer. Bezeichnenderweise wird Scarlett im Laufe der Jahre immer massiver werden (müssen?). Wo anfangs noch grüne dezente Streifen und Schleifen auf weißem Kleid und Hut zeigen, dass Scarlett nicht soooo ganz unschuldig ist, wie die jungfräuliche Grundfarbe eigentlich meint, muss es später ein exorbitanter grüner Hut sein. Und noch später gleich ein in jeder Hinsicht üppiges grünes Kleid aus schwerem Samt, aus Vorhängen geschneidert, die der Reststolz des zerstörten Familiensitzes Tara waren, damit Scarlett ihre Armut verbergen kann. Üppige und ein bißchen übertrieben falsch wirkende Kleidung als Symbol für Unaufrichtigkeit und Gier, wenn Scarlett ihre Armut verbirgt, um Rhett zu becircen und dann doch Geld von ihm zu bekommen. Interessanterweise geschieht dies zur Rettung von Tara und Scarlett hat sich sozusagen in alles gewandet, was von Taras Glanz übriggeblieben ist. Sie hat sich Tara anverwandelt, sie IST Tara, was hier auf weit unterschwelligere und damit bessere Weise gezeigt wird als in so manch anderer Szene. Hingegen sind bei den beiden Kussszenen zwischen Rhett und Scarlett, die immer als Ikon des Filmes dienen, die Töne der Leidenschaft doch deutlich gebrochen. Beim ersten Mal ist es zugegebenermaßen feuerrot und Rhett spricht aus, dass die beiden nicht voneinander lassen könnten, weil sie ähnlich und ähnlich verschlagen seien - aber Scarlett ist noch zu stolz und wird den Kuss (nicht sofort) zurückweisen. In der zweiten Szene ist der Hintergrund in ein Gelb getaucht, nicht ein goldenes, reines Gelb, sondern ein falsches, fahles, fast ein Fäulnisgelb. Es kommt nicht von konkreten Gegenständen, sondern scheint gleichsam unnatürlich wie unschön von draußen herein, als hätte Technicolorgöttin Natalie Kalmus an dem Tag einen zuviel gehoben. Doch liegt auch über der Liebe eine Falschheit. Rhett macht Scarlett einen Heiratsantrag, wieder ein bißchen zu zynisch, aber wir merken, dass er von dieser Frau, die ihn nicht liebt, nur schwer loskommt. Obwohl es nun zu heißen Küssen kommt, spüren wir, dass diese Liebe wenig Chancen haben wird (aus meiner Sicht neben der Farbgestaltung dadurch unterstützt, dass wir hier ausnahmsweise einmal in einer vorgeblich gefühlsbetonten Szene keine Musik haben). Bewusste Farbakzente allenthalben. So ist Scarlett nach Blitz-Heirat und Blitz-Witwendasein einfach nicht bereit, das Schwarz der trauernden Witwe zu tragen und probiert vor dem Spiegel trotzig einen farbigen Hut an. Oder die Hure Belle wird nicht nur einfach mit "sündigem" Rot assoziiert, sondern gleich mit einer etwas schrillen Mischung aus Rot (Teile des Kleides und des Hutschmucks), Pink (andere Teile des Hutschmucks) und Orangerot (Haare). "So ein Rot habe ich noch niiiie gesehen", sagen die sogenannten anständigen Damen auch gleich und bauen also Farbakzente sogar noch in die Handlung ein. Aber wie gesagt werden wir sehen, dass der Film hier nicht vordergründig ist und gerade anhand der positiv konnotierten Belle für die Überwindung von Vorurteilen plädiert. Rot ist auch mehr als nur Sünde und sexuell konnotierte Liebe, denn das Rot des Blutes steht nicht nur für Letzteres, sondern auch für Verwundung und Schmerz (wobei man einmal fragen kann, wie weit das eine von dem anderen entfernt ist). Interessanterweise gibt es ein besonders extravagantes, hinreißend schönes wie gewagtes blutrotes Kleid von Scarlett zu bewundern. Und zwar in einer Szene, in der die sonst so Zielstrebige es nicht aus freien Stücken trägt, sondern Rhett es ihr aufzwingt und sie dann auf Ashleys Geburtstagsfeier schleift, um sie dort alleine zu lassen und sie einer Demütigung auszusetzen. Sie wird bei ihrem Erscheinen von der Kamera besonders hervorgehoben, aus dem Blick der anderen ist sie auf einmal da, absolut overdressed, wie eine Ikone, aber auch wie nicht zu den anderen gehörend und wie mit offenen Wunden nackt und bloß und verletzt dastehend. Wobei sie interessanterweise die Schmach erdulden muss für einen Fauxpas, der vorher von ihr ausging und mit ihrem Werben um den verheirateten Ashley zu tun hatte. Begehren, sich hingeben, sein (Herz-)Blut schenken und dafür bluten müssen, alles ist in dieser Szene, die zudem mit einem hinreißend schönen Kinobild aufwartet. Trotz der diversen grünen Kleider und Applikationen ist Rot in seinen multiplen und doch miteinander verwobenen Bedeutungen Scarletts Farbe. Bei ihrem Namen nicht weiter verwunderlich (und gar nicht mal schlecht kopiert in der späteren Frauenfigur "Amber" aus Buch und Film "Forever Amber").
Scarlett und Rhetts sympathischer Nonkonformismus wird hingegen durch bestimmte Kameraeinstellungen und Bewegungsrichtungen der Personen gezeigt. So sehen wir z.B. zu Beginn, wie alle begeistert in den Krieg ziehen und aus dem Haus strömen. Nur Scarlett schwimmt buchstäblich gegen den Strom und eilt in das Haus, um zu sehen, was mit ihrem heimlich geliebten Ashley ist. In der Ablehnung des Krieges ist sie übrigens auch dem Kriegsgewinnler Rhett ähnlich. Ein Mal reiten die beiden auf einer Kutsche gegen den Strom von Fliehenden, in einer der wenigen Rückprojektionen, zudem in einer technisch miesen Rückprojektion. Dennoch verschafft uns die Szene einen stimmigen Eindruck von Rhetts und Scarletts Seelenverwandtschaft: Die beiden schwimmen nicht nur gegen den Strom, sondern sind nun auch optisch nicht mehr Teil ihrer Umwelt, die unscharf und monochrom auf der Bluescreen vorbeitrottet. Ja, so ist das bei den beiden; im Nonkonformismus vereint.
Oder ziehen sich eher Gegensätze an? Hierfür steht Scarletts ewige Liebe zu dem aufrechten Ashley (Leslie Howard in typischer Rolle), wobei ich seine Rolle als etwas schwächer empfunden habe.
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