... ist und bleibt natürlich die Bibel. Will man aber den Roman der Romane küren, so kommt man an "Vom Winde verweht" sicher nicht vorbei!
Es dürfte wohl niemanden im westlichen Kulturkreis geben, der mit dem Titel "Vom Winde verweht" nichts anfangen kann. Das mag im wesentlichen an dem gleichnamigen Film liegen, der ein nicht zu wiederholender Klassiker ist, der den Zuschauer über fast vier Stunden hinweg in seinen Bann schlägt. In überwältigenden Bildern sieht man die Geschichte der Scarlett O`Hara, gemalt in Technicolor, über Leinwand oder Bildschirm flimmern. Nicht ganz so handlich ist die Lektüre, auf der der Film der Filme basiert. Das liegt zum einen am Wälzerformat, das es braucht die über 900 Seiten an den Leser zu bringen zum anderen an der Story, so randvoll mit mit Handlung, dass es einem schon mal den Atem verschlägt...
Es sei erwähnt dass die Autorin Margaret Mitchell keine Schriftstellerin, sondern Journalistin war. Das schlägt sich im Schreibstil nieder und besonders dann wenn sie in aller Detailverliebtheit seitenlang genaue Schilderungen der Schauplätze abliefert sorgt sie für Längen und Ungeduld beim Leser, da immer dann die Handlung nicht nennenswert vorangetrieben wird.
Worum aber geht es? Die allermeisten Zeitgenossen verbinden mit "Vom Winde verweht" wohl einen schnulzigen Schmachtfetzen, der im Vordergrund eine banale Liebesgeschichte erzählt. Das aber ist weit gefehlt! Scarlett O´Hara ist gegenüber aller ihr anhaftendenden Volksmeinung kein sittsam schmachtendes Naivchen oder gar die gute warmherzige Heldin, die vom Schicksal gebeutelt sich diesem ergibt. Eigentlich ist sie ein ziemlich durchtriebenes Frauenzimmer, das es mit dem Leben aufnimmt, auch über alle gesellschaftlichen Schranken hinweg und alles andere ist als bei ihren Mitmenschen beliebt. Letztlich bekommt sie alles was sie sie sich in den Kopf gesetzt hat und steht nach jedem Schicksalsschlag wieder auf, eine starke Persönlichkeit, die mit allem irgendwie fertig wird. Tragischer Weise hat sie ihr Liebesleben nicht so gut im Griff. Ihre große Liebe wendet sich aus familiärer Heiratspolitik einer anderen zu und den Mann, der sie über alles liebt, wird sie erst zu lieben wissen wenn es zu spät ist... Scarlett O`Hara ist keine einseitige, "platte" Klischeefigur, sondern ein vielseitiger Charakter, der in bis in die Untiefen ihrer Seele hinein ausgefeilt wurde. Auch der Leser wird ihr, trotz der nachvollziehbaren Motovation für ihr Handeln, nicht immer leicht seine Sympathien schenken können... äußerlich zweifelsohne eine Schönheit, lauern in ihr jede Menge Temperament, weibliche List, kühle Taktik, Tatkraft und alle Abgründe menschlichen Seins, einschließlich einer gesunden Portion Vulgarismus.
Da ist die Antiheldin Melanie schon umgänglicher gestrickt. Sie ist der wahre Sympathieträger der Geschichte, fast engelsgleich und doch von erstaunlicher Stärke und Zähigkeit. Sie bestimmt die Handlung aus einer innewohnenden Energie, agiert aus der Zurückhaltung heraus.
Die männlichen Helden könnten unterschiedlicher nicht sein: da ist Rhett Butler, der klassische charmante Draufgänger, mit allen Wassern gewaschen, dem Herz am rechten Fleck und der Tragik sich vor der einen großen, unglücklichen Liebe nicht schützen zu können. Dagegen steht Ashley Wilkes, ein romantischer Träumer- aus heutiger Sicht ein zauderndes Weichei, das sich widerstandslos in alles ergibt.
Der Plot ist aber nicht ein reines Liebesthema. Sollte man den Inhalt auf einen einzigen Begriff zusammenziehen, so muss es "Überleben" sein. Man taucht ein in die ritualisierte Welt des Südstaatenadels, die mit Ausbruch des Bürgerkrieges demontiert wird. Man wird Zeuge des Verfalls einer Gesellschaft, die nach eigenen festgefügten Regeln funktionierte. Allen Mitgliedern dieser Gesellschaft, die dieser eigenen Weltanschaung nach lebten, wird recht brutal der Boden unter den Füßen entzogen. Das Danach ist ebenso mitreißend wie das Leben mitten in einem Krieg, dessen Umstände seiner Entstehung und Alltag anschaulich geschildert werden. Gleiches spielt sich in der Parallelwelt der Neger ab: Sie er- und durchleben die Zeit vor dem Krieg (nämlich als Sklaven) und das Danach natürlich aus einer völlig anderen Perspektive heraus.
"Vom Winde verweht" ist ein historisch genaues Buch , ein Gesellschaftsdrama und zuletzt tatsächlich ein Liebesroman. So vielfältig sind die Ereignisse, die Stränge der Haupt- und Nebenhandlungen, die Zentral- und Randfiguren, dass nicht mal das Fassungsvermögen eines Vierstundenfilms ausreichte sie alle zu berücksichtigen. So wurde das Drehbuch inhaltlich verkürzt und die geschichtlichen und gesellschaftlichen Aspekte zugunsten der Liebesthematik in den Hintergrund verschoben.
Nur dieses großartige Buch ist "Vom Winde verweht" pur und wer nichts davon verpassen möchte, kommt ohne den wirklich wunderbaren Film, nicht aber ohne das Lesen aus... am besten gleich anfangen!