Neue Zürcher Zeitung
John von Düffels alliterationsselige Wasser-Prosa
Das hatten wir doch schon: Ein nicht mehr ganz junger Mann kehrt, weil das Haus seiner Väter und Vorväter abgerissen werden soll, an seinen Ursprung zurück und erinnert sich seiner Geschichte und somit auch der Geschichte seiner Familie. Sie ist von wasserklarer genealogischer Transparenz. Der Ururgrossvater erwarb zwischen den Flüssen Orpe und Diemel ein Landgut mit dem bemerkenswerten Namen Missgunst. Auf dem lieblichen Gelände gründete er mit grossem Erfolg eine Fabrik, die seitdem «die Ströme des schwarzen Wassers in Papier und das Papier in Geld verwandelt». Er ertrinkt, nachdem er zu viel getrunken hat, in dem Element, dem er seinen Reichtum verdankt.
Das Element des Erben ist die Zahl. Sein kalkulierender Verstand immunisiert ihn gegen die elementaren Politwallungen des Ersten Weltkrieges. Nicht aber seine beiden älteren Söhne, die für Hitler begeistert in den Zweiten Weltkrieg ziehen und nicht oder spät und schwer verstört zurückkehren. Und so muss der verkrüppelte nachgeborene Sohn, der Grossvater des Erzählers, den Betrieb übernehmen, obwohl sein genuines Element eigentlich die Kunst und nicht das Wasser, nicht das Geld und auch nicht die Zahl ist.
Er verliebt sich in eine Hausangestellte, heiratet sie und muss sich gegen den Spott der Mitwelt und den Verdacht behaupten, seine Frau habe ein Verhältnis mit einem der französischen Kriegsgefangenen gehabt, die sie so auffallend reich mit Fischessen bedachte. Er, der Grätenphobiker, stirbt am Familientisch, weil er sich an einer Gräte verschluckt. Dem Paar sind keine Söhne, wohl aber drei (Rhein-?)Töchter beschieden. Und von der Tochter, die dem Melusine-Typus am stärksten entspricht, stammt der zum Wasser zurückkehrende Erzähler ab.
Eine Familiensaga, wie sie im Buche steht. Doch das hatten wir schon lange nicht mehr: der 1966 in Göttingen geborene John von Düffel rehabilitiert im Medium der Prosa eine Idee, die als gänzlich überholt gilt: die Idee der Naturpoesie. Er erzählt nämlich nicht nur vom Wasser und also von dem Naturelement schlechthin. Der Erzählfluss seines Buches will vielmehr auch das sein oder doch an dem teilhaben, wovon er erzählt: poetische Natur, Natur-Poesie. Vom Wasser erzählt von Düffel so rhythmisch, so alliterationsselig, so elementar, so flüssig und rauschhaft, dass die Grenze überschritten wird, die Sprache von Natur trennt. In den besten Passagen dieses Buches wird das flüssige Element nicht beschrieben, es lässt schreiben, und Erzählströme fliessen.
Jedoch: Diese Passagen sind eben nur Passagen; sie durchströmen nicht das ganze Buch. Sein liquider, elementarer Stil kippt vielmehr häufig ins Kunsthandwerkliche ab. Und dann entstehen einfach nur anachronistisch plätschernde bis schräge Sätze wie: «. . . wenn ich in die Augen meines Ururgrossvaters schaue, in diese hellen, lustigen Augen, dann hatte wohl die eine oder andere Flasche guten Weines nicht gefehlt.» Oder es stellen sich Wendungen wie «ein Liedchen der Lustigkeit auf den Lippen» ein, die Richard Wagners Stabreimkunst karikieren, ohne dies zu wollen.
Auf der Ebene der Themen, Stoffe und Motive verhält es sich ähnlich. Das Buch ist seiner schlichten Geschichte zum Trotz dicht und komplex. Es evoziert Lethe und Jordan, die Rheinromantik und die Buttmärchen, das Forellenquintett und die Sirenen und viele, viele weitere Erzählströme mehr. Und es exponiert durchaus kluge Motive wie das Leitmotiv von der Transformation des Elementaren ins Mediale. Die Worte «Medium» und «Element» wurden und werden häufig synonym verwendet. Aus Wasser wird Papier und aus Papier das fünfte Element Geld, das zum Leitmedium der Moderne avanciert. Ab und an gelingt so ein erfrischendes Motivgeflecht, das die Tiefentextur der Moderne mit familien- und naturgeschichtlichen Kontexten verwebt.
Der Ich-Erzähler macht sich für den Leser schon auf der ersten Seite gänzlich durchsichtig. Er legt seine (anti!)metaphysischen Karten und seinen ästhetischen Spinozismus deutlich auf den Tisch, wenn er sich und den liquiden Kern seiner Weltsicht in Worten vorstellt, die nicht sehr flüssig sind: «Ich bin kein besonders gläubiger Mensch. Für grosse Welterklärungen konnte ich mich nie begeistern . . ., weil ich immer der Meinung war und es auch heute noch bin, dass man sich die sogenannte sichtbare Welt erst einmal genauer ansehen sollte, bevor man über Metaphysik argumentiert.» Trotz dieser Metaphysikferne sind dem Erzähler Heraklit und eine zum Panta-rhei-Denken komplementäre fundamentalpsychologische Idee vertraut: die der Rückkehr zum Wasser. Aus Wasser ist das Leben hervorgegangen, aus der Fruchtblase kommen wir, die Vereinigung mit dem Feuchten suchen wir. «Thalassale Regressionslust» hat das ein früher wilder Psychoanalytiker genannt.
«Wir kehren immer zum Wasser zurück.» So lautet denn auch die zweite Leitformel des Romans. Auf der letzten Seite des Buches erzählt der Protagonist, dass seine frankophile Freundin ihn verlässt, um sich einem Franzosen zuzuwenden. Das ist kaum erstaunlich. Wer so ambitioniert und doch so wenig rätselhaft ist wie dieser Erzähler, taugt nicht zum Objekt des erotischen Begehrens. Und doch: Das Projekt, im Zeitalter, in dem nicht mehr Papiermassen, sondern Elektrizitäts- und Informationsströme das Leitmedium sind, noch oder wieder elementare Naturpoesie zu schreiben, verdient Aufmerksamkeit. Es gibt Texte, die aufschlussreich scheitern. Von Düffels Roman umschifft nicht die Klippen, die noch das gute, unzeitgemässe Kunsthandwerk von grosser Sprachkunst trennen.
Jochen Hörisch -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Pressestimmen
Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung
»Das Taschenbuch ist ein Gewinn für jeden, der das Ungewöhnliche sucht.«
Harburger Anzeigen und Nachrichten
Kurzbeschreibung
Er erinnert sich an die sommerlichen Szenen seiner Kindheit und stellt sich vor, wie es gewesen sein könnte: damals, als im letzten Jahrhundert der Ururgroßvater auf seinem Landgut zwischen den Flüssen Orpe und Diemel entdeckte, wie sich Wasser in Papier und Papier sich in Geld verwandeln lässt; damals, als der Sohn des Firmengründers die Fabrik mit seinem nüchternen Zahlenverstand durch den ersten Krieg rechnete und rettete; damals, als die traditionsreiche Geschichte der erstgeborenen Fabrikherren mit dem nächsten Krieg und einem den Musen zugewandten Direktor zu Ende zu gehen drohte. Damals, als seine Frau die vorläufige Rettung brachte.
Der Verlag über das Buch
»Das Taschenbuch ist ein Gewinn für jeden, der das Ungewöhnliche sucht.«Harburger Anzeigen und Nachrichten