Michael Köhler, Professor am Institut für Physik der TU Ilmenau, führt in dieser Monografie 'vom Urknall zum Cyberspace' die Leser auf einen ausgedehnten Streifzug durch die gegenwärtige Erkenntniswelt von Mensch, Natur und Universum. Nach einer Einführung über komplexe Strukturen, fundamentale Größen und Hierarchien folgt eine erste spannende Vorstellung kosmologischer Modelle, wobei bereits hier wie in allen nachfolgenden Kapiteln die Modellhaftigkeit und Ungewissheit unserer Vorstellungen angesprochen wird.
Die Beschreibung, wie chemische Elemente und chemischer Verbindungen durch das Zusammenspiel von Gaswolken, Materie und Gravitation sowie durch die Lebensdauer von Sternen und Elementen entstehen, ist Gegenstand der Nachfolgekapitel.
Sehr informativ auch die Ausführungen zur Entstehung schwerer Elemente, zu Reaktionen in thermischen Plasmen und zum Auftreten erster organischer Moleküle in kosmischen Gaswolken. Damit wird auch bereits der Bogen zum heutigen naturwissenschaftlichen Verständnis des irdischen Lebens geschlagen, dem eine molekulare Selbstorganisation zu Grunde liegt. Breiten Raum nimmt der Abschnitt über molekulare Evolution ein, wo in Grundzügen beschrieben wird, wie Moleküle in biologischen Systemen integriert und selektiert werden, welche Informationen sie enthalten, welche Räume sie einnehmen und wie autokatalytische Prozesse ablaufen.
Weiter geht es mit Ausführungen über die verschiedenen Organisationsebenen des Lebens vom Einzeller zum Vielzeller bis zu Lebensgemeinschaften und ganzen Ökosystemen mit ihren vielfältigen Wechselwirkungen. Als besonders eindrucksvoll habe ich die Hypothesen zur Entstehung der Erde als Gesamtökosystem empfunden, nachdem erste autotrophe Organismen auftraten, was u. a. zum 'Umbau' bzw. zur Anpassung der Erdatmosphäre führte.
Bevor das Buch mit grundlegenden offenen Fragen wie: was ist Leben, was war vor der Bildung erster Elementarteilchen, wie entstand die erste Zelle, gibt es extraterrestrisches Leben, sind Kultur und Leben unsterblich? schließt, geht Köhler noch auf die kulturelle Evolution am Beispiel der Sprache, Schrift, Verständigung und Informationsübertragung ein. Zahlreiche Hinweise auf weiterführende Literatur zu den einzelnen Themen beschließen das Buch.
Fazit: Es gibt viele Ausführungen und noch mehr Meinungen im Grundsatz wie im Detail zu den Themen ' Universum & Cyberspace'. Meist werden sie fundiert von Spezialisten für Ihresgleichen vorgetragen. Köhlers Verdienst ist es, eine zur Themenauswahl überzeugend interdisziplinäre Schau des gegenwärtigen Wissenstandes zu bieten. Dabei spricht er auch die großen ungeklärten Fragen offen an. Die Lektüre eignet sich besonders für Naturwissenschaftler, aber auch für (Natur)Philosophen, Mediziner und weitere Interessierte, sofern sie dem naturwissenschaftlichen Unterricht in der gymnasialen Oberstufe mit Interesse gefolgt sind und sich schon immer einmal mit den existentiellen, oft unbegreiflichen 'Erscheinungen' des Universums befassen wollten. Für Kreationisten hingegen ist es m. E eher ungeeignet, es sei denn, sie wollen ihren Standpunkt in Frage stellen. Allen anderen gibt Köhler eine in ihrer thematischen Gliederung und Verknüpfung sowie der anschaulichen Beschreibung bestens geeignete Anleitung zum erfürchtigen Staunen.