Der Begründer von Somatic Experiencing faßt hier über dreißig Jahre Erfahrung in einem Selbsthilfe-Buch zusammen. Seine Perspektive auf Trauma bezieht sich stark auf die biologische Seite, die er als entscheidend in dem sieht, was Trauma eigentlich ist und wie es gelöst werden kann.
Die Sprache des Buches ist bemerkenswert einfach und klar. Er beschreibt traumabedingte Zustände und Folgen und erklärt sie in einer Art, die allgemein in ihrer Logik leicht nachvollzogen werden kann. Dabei geht er fachlich nicht unnötig in die Tiefe (wo es schnell unübersichtlich und verwirrend wird), bleibt aber plausibel und verständlich. Daher ist es ein ideales "Einsteigerbuch" für jedermann/frau. Liebhaber komplexer neurophysiolgischer Zusammenhänge werden hier nicht bedient.
Auch zwölf Schritte der Traumaheilung werden in dieser Weise beschrieben und es werden Übungen angeboten, die helfen sollen z.B. Grenzen wiederherzustellen, die Sprache der Körperempfindung zu erlernen, Erdung zu finden oder die Körperlichkeit zurückzugewinnen. Auch wird dargestellt, wie man den natürlichen Selbstheilungsprozess des organismischen Pendelns zwischen Ressourcen und Trauma unterstützen kann (ein zentrales SE-Element). Die Übungen sind gut verständlich, jedoch bleibt bei Selbsthilfebüchern immer die Frage, wie gut die Übungen wirklich umgesetzt werden (können). Ergänzend zum Text liegt eine CD bei mit Anleitungen von ihm selbst gesprochen, aber auf Englisch. Die Begründung dafür ist, daß die Art der Anleitung ebenfalls zu ihrer Umsetzung beiträgt, und daß seine persönliche Erfahrung schwer durch einen deutschen Sprecher zu ersetzen ist (dem stimme ich nicht zu, es gibt sehr erfahrene deutsche TherapeutInnen, hier wurden wohl eher die Kosten gescheut).
Es werden sowohl die offensichtlichen Trauma-Ursachen und die allgemein bekanntesten Folgen genannt und kurz erklärt, wie auch die weniger offensichtlichen/bekannten Ursachen besonders im frühen Kindesalter und allgemein bisher wenig bekannte Spätfolgen.
Teile der Texte, z.B. über sexuelles Trauma, sind schon vorher auf englisch erhältlich gewesen und sind in diesen Text eingeflossen.
Wesentliches Werkzeug der Heilung ist in diesem Buch (und in Somatic Experiencing) der sogenannte Felt Sense, was man grob mit "gespürte Empfindung" übersetzen könnte. Es ist also weitaus mehr als nur Körperempfindungen: diese, verbunden mit einer Art inneren gefühlten Wahrheit aus dem organismischen heraus, verbunden mit Sinn, Bedeutung und Emotionen. Er würdigt dabei dankenswerterweise Eugen Gendlin, der in der Focusing-Methode den Felt Sense erforscht und den Begriff geprägt hat (während viele andere Autoren sich offensichtlich auf Peter Levine beziehen, ohne ihn zu erwähnen).
Zu dem Preis dies Buch für mich eine dicke Empfehlung wert, schon allein, weil ich "Trauma" noch nie so einfach und klar erklärt gefunden habe, aber auch, weil Trauma hier thematisch breiter angelegt ist als in vielen anderen Büchern. Ein Selbsthilfebuch hat immer die Schwäche der praktischen Umsetzung aus eigener Motivation, die erfahrungsgemäß schwer fällt. Übertriebene Hoffnungen werden auch im Buch nicht geschürt. Viel hängt davon ab, ob man die Geduld und Ausdauer hat, mit den Übungen intensiv zu arbeiten und in wie weit man einen Zugang zu den Übungen findet. Wegen dieser Zweifel und der englischen CD gebe ich die vier statt der fünf Sterne.