Mit Büchern verhält es sich ebenso wie mit Menschen. Ob man sich für sie erwärmen kann oder nicht, ist auch eine Frage des richtigen Zeitpunkts. Vor meiner Beschäftigung mit dem komplexen System des menschlichen Gehirns hätte ich der Analogie Unternehmensführung und Orchesterdirigent wenig abgewinnen können. Doch jetzt bin ich begeistert, wie der Musiker, Musikproduzent und Dirigent Christian Gansch seine Vorstellung von Führung veranschaulicht. Richtigerweise betont er, dass es um ein Sinfonie-Orchester und nicht um ein musizierendes Quartett geht, das es zu leiten gilt. Einem kleinen Team vorzustehen oder die Komplexität eines grossen Orchesters zu meistern, sind verschiedene Dinge.
Analogien zwischen Management und anderen Tätigkeiten zu suchen, ist an sich weder originell, noch neu. Aber Bergsteigen, Motorradfahren, Segeln oder Reisen haben mit dem Steuern komplexer Systeme weit weniger zu tun als das Dirigieren eines grossen Orchesters. Wenn eine sechzigköpfige Streichergruppe ihrerseits wieder aus verschiedenen Instrumenten, Charakteren und Hierarchien besteht, Schlagwerker, Blech- und Holbläser ihre eigenen Welten einbringen, eine Idee gefunden und umgesetzt werden muss, das Publikum Erwartungen hat und das Ganze noch im finanziellen Lot sein sollte, so sind genau die Eigenschaften gefragt, die es in einem grösseren Unternehmen ebenfalls braucht. Christian Gansch zeigt in Referaten und nun in diesem Buch, worauf es dabei ankommt, welche Fehler man tunlichst vermeiden sollte und wie viele Wege letztlich nach Rom führen.
Das Ergebnis seines Analogieschlusses ist nicht einfach aufgewärmtes und neu verpacktes Führungswissen. Begeistert hat mich das Ergebnis, weil es Führungsmythen schonungslos und nachvollziehbar entlarvt. Menschen sind nicht gleich, Mitbestimmung ist nicht a priori etwas Gutes, Teamarbeit ist nicht für jede Aufgabe geeignet, Wahrheit ist kein erstrebenswertes Gut, die Lust auf Veränderungen ist kein menschlicher Allerweltstrieb, Freiheit ist nicht identisch mit Offenheit, Erfolgsmodelle lassen sich nicht an Wochenendseminaren übertragen.
Christian Gansch verzichtet allerdings meist darauf, anderen ihre Irrwege aufzuzeigen. Lieber erläutert er gleich wie man es besser machen könnte. Doch auch das macht er ohne langweilige Theorien, sondern mit Anekdoten, Geschichten und Zitaten.
Mein Fazit: Ein Buch, das ich künftig gerne weiterempfehle, von dem ich einige Sätze für meine eigene Vortragstätigkeit übernehmen werde und das vom Menschen ausgeht, wie er nun mal ist.