"Man soll nur reden, wo man nicht schweigen darf, nur von dem reden, was man
überwunden hat - alles andere ist Geschwätz, Literatur, Mangel an Zucht."
(Egon Friedell)
Friedell (1878-1938) will also nur von dem Reden, was er überwunden hat, also aus der Genesung des Geistes die Chance sehend, der Erfahrung Erkenntnis abzuhäuten. Ihm schwebt eine "geheimnisvolle Gegnerschaft, die des Entgegenschauens" vor, eine, die das Leben betrifft und es in Lebensalter teilt. Eine erste Hälfte, die lernt, mit der Umwelt, der Gesellschaft eins zu werden, in Urteilen, Meinungen, Absichten. In der vorgestellten Gleichheit erobert man seinen Platz, damit das Innere reift zu einer eigenen Frucht der zweiten Lebenshälfte. Diese Frucht ist die Kraft, die erste Hälfte zu vergessen, um die Ansichten aller in eigene zu transformieren. Lernen zu müssen, dass das, was man übernommen hat, einem nicht gehört, scheint schmerzhaft. So muss man Angeeignetes wie Übernommenes neu ordnen und adaptieren, in seinen Besitz übernehmen. Ob nun dieses der richtige Weg ist oder nur einem Vorurteile entspricht, muss geklärt werden. Vielleicht als Spiel, wie Schiller sagt, oder eben in der Erkenntnis, lieber ein Narr zu sein, "der vom Leben was versteht. Warum nur liegt Friedells wahre Sicht so nah an Paulus (1Kor 3,18-20) und dem
Gaukler von Leskow?
In fünf große Bücher unterteilt (Abschaffung des Genies; Psychopathologie des Schauspielers; Literaturpolizei; Sokrates der Idiot; Das Altertum war nicht antik), gibt Friedell einen wunderbaren Querschnitt durch das "Schaltwerk der Gedanken", dem solar plexus, dem Sonnengeflecht in uns, welches die wahren Entscheidungen trifft. Mit Schleichs Buch im Tornister betreibt er "seelische Brandstiftung", erinnert an den "magischen Idealismus" Novalis und findet in der Mystik die Überhöhung der Logik. Seine kurzen Essays sind eben von bestechender Logik, Klarheit und Faszination. Sein Feld, von Emotio und Ratio umfasst, wird bravourös aufgeblättert. Natur und Kunst, Realität und Fiktion werden als Paare in ihr Licht ihres Zeitgeschehen gestellt. Jede Beleuchtung gelingt, sehr häufig überraschend auf Grund der schnellen gedanklichen Wendung. Wenn schon des Menschen Wille Herrschsucht ist, dann umgeben ihn auch auch Schatten und Rätsel. Die Kunst der Verstellung, als Mimikri der Natur entnommen, ist jene Metamorphose, der sich der Mensch selbst unterstellt. Willentlich schafft er die Welt durch sein Ich, wie Fichte sagt und so ist Pascals: "Werdet Tiere!" jene Kunst der "sublimen Form des Willens zur Macht". In allem glänzt Friedell mit literarischer Beweisführung, mit antiker, ja zeitumfassender Lektüre. Aus der Welt der Schönheit, wie der hassende Künstler sagt, wächst die Welt der Wahrheit. Seine Essays sind eine Schönheit in Sprache und intelligentem Mix. Ob über Luther,
Montaigne,
Schopenhauer,
Nietzsche oder
Emerson, Friedell versteht es, den Leser zu fesseln, vielleicht auch deswegen, weil er eine Brücke schlägt in der Einfachheit der Evangelien: vom einfachen Naturmenschen zur Weisheit des Jahrtausendmenschen.
Nur wer über den Dingen steht, vermag sie zu belächeln. In der Tat, dieser Satz trifft auf Friedell zu. Als Schauspieler, Partylöwe und Nichtstuer bekannt oder verschrien, erlangte er mit seinem Buch:
Kulturgeschichte der Neuzeit Weltruhm, ebenso wie mit dem Buch über die
Kulturgeschichte Griechenlands. Wie jenes, ist aber auch dieses Buch Kurzweil zur Entspannung. Zwischen Humor, Ernst und dem Solar plexus, dem Schaltwerk der Gedanken, eben aus dem Bauch heraus, finden Sie eine lesenswerte Friedell-Lektüre.
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