Ralf Raths Buch beleuchtet die intellektuelle Diskussion in den Militärpublikationen und gräbt tief in den sich laufend anpassenden Dienstvorschriften in der Zeit von 1906 - 1918. Dieser neue Blickwinkel ermöglicht einem ein sehr nüchternes, klar umrissenes Bild von den Vorstellungen der militärischen Führung - fast alle Beiträge kamen von Stabsoffizieren oder zumindest ranghöheren Offizieren - wie ein zukünftiger Krieg sich entwickeln könnte und welche militärischen Taktiken darauf die richtigen Antworten wären. Interessant war zu erfahren, wie offen dieser Diskurs ausgetragen wurde. Hier gab es keine Dogmen, keinen preußischen Kadavergehorsam, im Gegenteil, bereits in der Offenheit des Umgangs mit diesen Themen erkennt man die Fähigkeit sich schnell an veränderte Situationen anzupassen.
Mit Beginn des Krieges erhöht sich verständlicherweise die Takt Zahl und die Fokussierung auf immer kleinere taktische Einheiten bis hinunter zur Gruppe nimmt mehr und mehr Platz ein. Daraus resultierte eine Verlagerung der Verantwortung bis hinunter zum Gefreiten, um die Aufträge auch unter Verlust des Kontaktes zur Führung ausführen zu können. So kann man verfolgen, dass der Massensturm spätestens 1915 aus den Köpfen und sichtbar auch aus den Dienstvorschriften verschwand. Der Stoßtrupp Gedanke findet sich bereits hier wieder und wird sukzessive weiter entwickelt.
Für mich hat dieses Buch mehrere Mythen zerstört:
1. die von der Führung von oben, die keinen Platz für eigene Diskussionen offen ließ und die
2. vom blinden Hineintaumeln in völlig überraschende Gefechtsfelder mit der einzigen Antwort ohne Rücksicht auf Verluste immer neu anstürmen zu lassen.
Was Sie nicht von diesem Buch erwarten können, da es nicht das Thema war, ist die tatsächliche Umsetzung, der neu geschaffenen Taktiken und Ideen. Da diese sich allerdings in verbindlichen Dienstvorschriften manifestieren und quasi auf dem Gefechtsfeld entwickelt wurden, können wir davon ausgehen, dass die Einführung schnell vonstattenging. Diesen Prozess zeigt Ralf Raths mehrfach klar auf. Das Lesen dieses Buches hat mir eine außerordentliche intellektuelle Freude bereitet!
Interessante Ergänzung könnte das Buch von John Mosier sein, der alle Quellen zu Verlusten und Abläufen an der Westfront unter die Lupe nimmt und auch zu interessanten neuen Erkenntnissen kommt. Die Grundlagen hierfür finden Sie in der hervorragenden Analyse von Ralf Raths!
The Myth of the Great War: A New Military History Of World War 1