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Gesammelte Aufsätze von Jacob Taubes
Jacob Taubes, der vor neun Jahren verstorbene Religionswissenschafter, war ein Feuerkopf. Ein Mann des gesprochenen, des gewechselten Wortes eher denn des geschriebenen; des Disputs und der Polemik mehr denn der Analyse und Systematik. Ein Schriftgelehrter zwar gelernter Rabbiner , aber kein ausdauernder Schriftsteller. Die Zürcher Dissertation des Dreiundzwanzigjährigen ist sein einziges Buch geblieben (1947). Gewidmet ist es einem Thema, das, einmal angeschlagen, sein unstetes Leben begleitete: «Abendländische Eschatologie». Bis in den Duktus hinein ist diese Studie dem katholischen Universalgenie Hans Urs von Balthasar verpflichtet, zu dem der Student Jacob Taubes des öfteren von Zürich nach Basel pilgerte. Wer Balthasars dreibändige «Apokalypse der deutschen Seele» (1937/39) parallel zu Taubes' Erstling liest, wird den vielleicht ohnedies irreführenden Begriff «geistiges Eigentum» nicht mehr verstehen.
Wären nicht unlängst zwei Dutzend seiner hier- und dorthin verstreuten Aufsätze gesammelt erschienen, von Jacob Taubes würde wohl dereinst kaum mehr als die Fama eines um Selbstzweifel unbekümmerten Intellektuellen geblieben sein, der Intrigen und Ränkespielen ebenso zugeneigt war wie dem schönen Geschlecht. Gewiss ist da noch die von Aleida Assmann verantwortete schriftliche Fassung jener vier Vorträge, die der auf den Tod kranke Taubes vor einer handverlesenen Schar von Zuhörern Ende Februar 1987 in der Heidelberger Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft ebenso frei wie freimütig gehalten hat. Doch auch die «politische Theologie des Paulus», die Taubes zum besten gab, ist, obzwar idiosynkratisch, in ihren Grundzügen keineswegs so originell, wie von manchen voreilig gerühmt. Und sie ist in ihrer präsentierten Gestalt zudem reichlich verwittert.
Mit seiner «Gegen-Lektüre» des Römerbriefs wird es Taubes immerhin weder der christlichen noch der jüdischen Orthodoxie recht machen können. Dem «Erzjuden und Urchristen» (so Taubes über Taubes) sind die Grenzen zwischen den beiden monotheistischen Religionen nie heilig gewesen. Er will den ketzerischen Juden Paulus «heimholen»: ihn der rein christlichen (insonderheit protestantischen) Deutungsmacht entwinden und dem Judentum als Geist vom eigenen Geiste anempfehlen. Hinter der neutestamentlichen Opposition von Glaube und Gesetz, die eine fatale, nämlich antijudaistische Wirkungsgeschichte entfaltet hat, verberge sich in Wahrheit, meint Taubes, der Widerstand gegen das «Gesetz» des Imperium Romanum; die Spitze gegen das «Gesetz» der Thora sei vordergründig. Das Politische scheinbar abwehrend, der Obrigkeit scheinbar untertan, habe Paulus zum Angriff auf die römische Herrschaftstheologie geblasen und zur Sammlung der Geister: Unter dem Zeichen des Kreuzes werden auch die Nichtjuden Teil des Volkes Israel.
Bereits in frühen Aufsätzen deutet Taubes, wie nun nachzulesen ist, den Gegensatz von Gesetz und Glauben als einen innerjüdischen und das Christentum als eine ebensolche Häresie. Freilich tut er das nicht im inquisitorischen Gestus der Rechtgläubigkeit. Der messianische Impuls, der innerjüdisch in Spannung zum Gesetz steht, ist ihm teuer. Er verteidigt ihn auch gegen Gerschom Scholems These, mit dem Messianismus ziehe das Judentum sich aus der Geschichte zurück in ein quietistisches Harren, in den Zustand des blossen Wartens auf Erlösung.
Das Gegenteil ist, wie Taubes 1983 schreibt, der Fall: «Jede Anstrengung, die messianische Idee zu aktualisieren, war ein Versuch, in die Geschichte zu springen, wie sehr dieser Versuch auch mythisch entgleisen mochte. Es stimmt einfach nicht, dass die messianische Phantasie und die Gestaltung der geschichtlichen Wirklichkeit an entgegengesetzten Polen stehen.» Wer Zeit als Frist, als «Galgenfrist» gar erfährt, der ist frei zu handeln. Das Ende wird zum Ansporn, zum Stachel im Fleisch der Gegenwart.
Taubes hat diesen geschichtstheologischen Gedanken, ohne erkennbaren Anspruch auf Stimmigkeit im Kleinsten, religionsphilosophisch und kulturtheoretisch variiert. Prophetie, Messianismus, Eschatologie, Apokalyptik, Gnosis das sind ihm Chiffren kulturkritischer, aber geschichtsbildender (und insofern «immanenter») Transzendenz. Auf Kulturkritik haben es auch die Herausgeber abgesehen, wenn sie die Aufsätze aus drei Jahrzehnten mit dem Taubes entlehnten Titel «Vom Kult zur Kultur» versehen. «Kult» steht für die Gegenwart des aus der Sphäre der «Kultur» Ausgeschlossenen; genauer wohl: für die rituelle oder reflexive Vergegenwärtigung dessen, wovon Kultur zehrt, das in sie aber nur um den Preis der Selbstgefährdung ungehemmt «einfliessen» könnte.
Lauheiten verachtend, Gegensätze zuspitzend, hat Taubes sich mit allen angelegt. Mit dem theologisch abgespannten Komfortkonservatismus unserer Tage (man lese hierzu die Auseinandersetzung mit Odo Marquard) ebenso wie mit dem autoritären Biologismus Arnold Gehlens. Im Vorschein des Endes zeichnet sich neben dem Antikonservatismus auch der «notorische Antiliberalismus» des Jacob Taubes schärfer ab (so der Ausdruck der instruktiven Einleitung von Aleida und Jan Assmann sowie Wolf-Daniel Hartwich). Wie Carl Schmitt, seinen feindlichen Bruder in apokalyptischem Geiste, stiess Taubes der Liberalismus ab. Zu sehr schien er ihm die Menschen auf eine Existenz der kultivierten Bedürfnisbefriedigung fixieren zu wollen.
Einen angenehmeren Kombattanten fand Taubes in Franz Overbeck, dem Freund Nietzsches. Dessen schneidende Kritik am liberalen Kulturprotestantismus der wilhelminischen Zeit und seinem kraftlosen Kompromisslertum hatte die Kerbe geschlagen, in die auch Taubes gerne hieb. Sein Porträt Overbecks gehört noch immer zum Besten, was über diesen unfrommen Theologen geschrieben worden ist.
Jede Form vermittlungstüchtiger und versöhnungsbereiter Theologie hat ihn aus der Reserve gelockt. Weder der Karl Barth der «Kirchlichen Dogmatik» noch Paul Tillich fanden Gnade vor seinem «Negativismus», wie einige Studien aus Taubes' Zeit als Rockefeller-Stipendiat in Harvard (1954) zeigen. Den vielleicht am wenigsten erwarteten Bundesgenossen erkor Taubes sich in Gestalt des inoffiziellen Sigmund Freud. In einem zuerst 1957 auf englisch publizierten Essay gibt Taubes zu, was Freuds berühmter religionspsychologischer Traktat bereits im Titel verkündet: Religion ist eine Illusion.
Aber sie ist es, so Taubes, «weil die Hoffnung auf Versöhnung, auf Sühne der Schuld, letztlich eine Illusion ist. Schuld kann nicht überwunden, sondern nur anerkannt werden.» Eben diese Einsicht in die Unaufhebbarkeit der Schuld und in die Rolle der Religion dabei grundiere insgeheim auch Freuds (theoretische) Schriften. Freud wird so zum Theologen der Erbsünde, auf einer Linie mit Paulus und Augustinus denkend. Erlösung wird als eschatologische Hoffnung gegen die Hoffnung auf notwendig falsche Versöhnung ausgespielt. Psychoanalytische Religionskritik mag zur Entlarvung von magischen Manipulationen und Vermittlungspraktiken in der Religion dienen. «Aber», fragt Taubes am Ende des Essays, «ist die eschatologische Hoffnung selber eine Illusion?» Wenn ja, lautet seine Antwort, dann wird auch die Zukunft zu einer Illusion.
Heute gelesen, wirkt das unzeitgemäss. In der Einleitung wird man darauf gestossen, warum: Als einer der wenigen unter den Kulturkritikern jüdischer Tradition hat Jacob Taubes die «ästhetische Wende» nicht mitvollzogen. Grund genug, seine Aufsätze wieder zur Hand zu nehmen.
Uwe Justus Wenzel
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