Selten war ich so fasziniert von einem wissenschaftlichen Buch. Die Materialfülle, die Malinowski vor dem Leser ausbreitet, ist stupend. Der Autor hätte es sich leicht machen können und nur die Grundlinien der Verfallsentwicklung darstellen können. Er hat sich jedoch die Mühe gemacht, die einzelnen Stränge des Niedergangs und der Reaktion des Adels hierauf, gründlich zu recherchieren und uns Lesern darzustellen. Er scheut sich nicht, die Protagonisten der Entwicklung mit Namen zu benennen. Hierbei bleibt kaum eine Untergruppe des vielgestaltig auftretenden Adels außer Betracht, von den königlichen Prinzen, den Standesherren bis zum Briefadel neuester Zeit. Er zeigt auf, wie die Abneigung, insbesondere des preußischen Adels, gegen Erwerbstätigkeiten in Handel und Finanz fast zwingend zum Antisemitismus führt, was von den Verbandsfunktionären des Adels noch geschürt wird. Er zeigt außerdem das Gefälle zwischen dem protestantisch-norddeutschen und dem katholisch-süddeutschen Adel auf. Ganz wichtig für den Hochadel und seiner Verbundenheit mit dem königlichen Hof Preußens war die Debatte über die "Abreise" oder "Fahnenflucht" Wilhelms II. im Gegensatz zum von manchen Adelskreisen geforderten "Blutopfer" des Obersten Kriegsherrn. Übel hat jedoch auch die Klasse der nicht-adligen, aber zum Adel tendierenden großbürgerlichen Eliten, allen voran Ludendorff, den Verfall des Adels befördert. Dieser Aspekt kommt in der Darstellung Malinowskis zu kurz, ebenso wie die Entwicklung in "Deutsch-Österreich". Dennoch dürfen wir dankbar sein, für die Fülle des Materials, das der Verfasser vor uns ausbreitet, und für die Einsicht in eine vorwiegend von ihren Wahrnehmungen der Realität anstatt von der harten Wirklichkeit geprägten Bevölkerungsschicht, die einen überproportionalen Beitrag zum Führerstaat, der Diktatur Hitlers geleistet hat.