Mein erster Gedanke, als ich dieses Buch von Carla Berling in den Händen halte, ist "Was für eine Frechheit,
ein 200 Seiten Taschenbuch für 16,90 ¤ zu verkaufen!" Ich bin enttäuscht, so als sage die Dicke etwas über
die Stärke aus. Dass das so nicht stimmt, zeigt mir Carla Berling von der ersten Seite an.
Ihre schonungslose Offenheit treibt mir die Schamesröte ins Gesicht. Ich schäme mich, ob dieser Naivität
einer Schreibanfängerin, die auf einer gebrauchten Uralt-Schreibmaschine ohne intaktes 'e' ihren vermeintlichen
Bestseller tippt. Und gleichzeitig frage ich mich, wie viele Schreiberlinge dies wohl tun, wie viele Autoren es
taten, ohne das sie die Ehrlichkeit besitzen, es zuzugeben.
Auch fehlt es mir an Verständnis für Schreibversuche, wenn der Mann arbeitslos ist und die Kinder angezogen und
gefüttert werden müssen. Wieso tut man sich und vor allem seiner Familie das an? Und inwieweit ist der Wunsch
zu schreiben ein egoistischer? Wäre es nicht einfacher gewesen, eine andere ungelernte Tätigkeit anzunehmen,
die besser bezahlt wird als die bei einer Tageszeitung für ein paar Mark pro Seite? Aber Frau Berling geht
nicht den einfachen Weg, sie kämpft, beißt sich durch ihren Traum vom Schreiben.
Und daran lässt sie den Leser ganz offen teilhaben: an das ungenierte Buhlen um den Leser, die Konflikte mit
Kleinstverlagen, Lektoren, Agenten oder anderen Schreiberlingen, die mehr vom Schreiben träumen und reden, als
es zu tun. Schonungslos deckt sie die Profitwege der Druckkostenzuschussverlage auf, erklärt, dass so viele
Verlage Anthologien herausbringen, nur damit jeder darin enthaltene Autor fünf Exemplare davon kauft. Berichtet
von ihren eigenen schlechten Erfahrungen (und das sind einige) mit Verlagen, die zweite Auflagen als 'Nachdruck'
tarnen, damit sie dem Autor die vertraglich zugesicherten Prozente nicht auszahlen müssen. Endlich lese ich von
jemandem, der sich nicht scheut, von Geld zu sprechen!
Bewundernswert ist die Energie, die sie aufbringt, um sich selbst und ihre Bücher zu vermarkten, all die Projekte,
die sie auf den Weg bringt oder auch fallen lassen muss, weil andere Beteiligte nicht mitziehen. Erschreckend die
Kraft, die sie benötigt, um Anfeindungen, Denunzierungen und Distanzlosigkeit zu ertragen.
Sie ist 'bekannt wie ein bunter Hund und arm wie eine Kirchenmaus', schreibt sie an einer Stelle. Wer glaubt
einem vermeintlichen Bestseller-Autor schon, dass er die Miete nicht zahlen kann?
Ihre Geschichte rührt mich sehr, gerade auch das innige Verhältnis zu ihrem geschiedenen Mann. Es bewegt mich,
wenn ich lese, wie ihr damals kleiner Sohn das Make-up begutachtet, bevor sie auf die Bühne geht. Der Zusammenhalt
in der Ehe, das gemeinsame Ertragen, dass sehr lange anhält, bis es eben 'unerträglich' wird.
Frau Berlings Kampf ist noch nicht vorbei. Auch wenn sie mehrere Verträge in der Tasche, mehrere Bücher
veröffentlicht hat, muss sie da durch. Durch das "Guerilla" -Marketing, durch Internet-Foren, Facebook und
sonstige Verbindungen. Wie viel Internet kann/muss man ertragen?, fragt sie und verzweifelt an einer Stelle,
wo ich es nicht mehr verstehen kann. Sie hat doch schon viel Schlimmeres mitgemacht. Wieso jetzt noch aufgeben?
Der Untertitel 'Tagebuch eines Romans' ist schlecht gewählt. Es geht nicht um 'einen' Roman, es geht um ein ganzes
Schreiberleben. Ein Leben, das mich auch schockiert, ich muss es zugeben, und das mir keine Fragen beantwortet,
sondern viel mehr neue Sinnfragen stellt. Irgendwo wurde es als Mutmachbuch bezeichnet. Das kann ich nicht
nachvollziehen. Es macht insofern Mut, als das Betrachten von Armut uns reich fühlen lässt.
Muss man dieses Buch lesen? Unbedingt!