Eines vorweg: Die Lebensgeschichte von Andreas Niedrig steht hier nicht zur Debatte. Seine Wiedergeburt aus dem allertiefsten Drogensumpf hinein in den absoluten Spitzensport ist ebenso einzigartig wie ermutigend und inspirierend. Ginge es darum, nur diese zu bewerten, führte auch von meiner Seite kein Weg an den 5 Punkten vorbei. Zur Debatte steht aber eine Biographie, die mich nicht annähernd so euphorisiert hat wie offenbar meine Vorredner.
Der wesentliche Kritikpunkt ist eigentlich bereits im vollen Titel des Buches enthalten: "Vom Junkie zum Ironman. Die zwei Leben des Andreas Niedrig". Der erste Teil suggeriert ja eine Entwicklung, mehr noch: eine schier unglaubliche Metamorphose. Der zweite dagegen spricht von den "zwei Leben" des Andreas Niedrig und - betrachtet man die literarische Umsetzung - wäre dies der richtige Titel gewesen, denn tatsächlich besteht das Buch aus zwei Teilen, die nur durch ein paar wenige, recht lieblos vorgetragene Verbindungslinien notdürftig zusammengehalten werden.
Der erste Teil ist eine recht eingehende, schonungslose Bestandsaufnahme einer klassischen Drogenkarriere. Dieser Abschnitt hätte durchaus überzeugen können. Der zweite Teil dagegen besteht aus einer nach meinem Begreifen spröden Aneinanderreihung sportlicher Erfolge, punktueller Rückschläge durch Verletzungen, Danksagungen an Förderer / Sponsoren und eher wenig interessanter Episoden aus dem Ironmanzirkus (z.B. angebliche Unsportlichkeiten von Lothar Leder). Auch darüber hätte ich hinwegsehen können, aber bitte wo gibt uns das Buch Einblick den eigentlichen Reiz der Niedrigschen Vita? Wo ist der Übergang vom einen in das andere Leben? War ein einziger Waldlauf mit dem Vater tatsächlich genug für den finalen Drogenausstieg und den furiosen Einstieg in die Weltelite des Triathlon? Welche Willenskraft muss man aufwenden, um das zu schaffen? Umgekehrt: Wie viel Kraft muss einem, der ganz unten war, der Sport offenbar zurückgeben? Wo wird das Körpergefühl eines Mannes beschrieben, dem plötzlich Endorphine statt Kokain durch den Körper schießen? Das alles sind Fragen, die unbeantwortet bleiben und wenn doch, dann nur oberflächlich. Die Frage nach dem Sport als Ersatzdroge, nach der Angst vor einem möglichen Rückfall etc. werden ohnehin vom Autor lapidar ausgeklammert.
Genau diese Aspekte sind es aber, welche die Besonderheit von Andreas Niedrigs Leben ausmachen. In die Drogenwelt hinabgestiegen sind viele und auch wieder ausgestiegen sind viele. Darüber ein Buch zu schreiben, ist jedoch jenen vorbehalten, die eine spezifische Message haben: Bei Andreas Niedrig ist dies die Kraft des Sports. Und genau diesem gibt er literarisch in seiner Biographie kaum etwas zurück. Das wäre ohne Frage möglich gewesen, ohne dabei deswegen voyeuristische Einblicke in sein Leben zulassen zu müssen. So aber bleibt der Unmut darüber, dass das Buch dem nicht viel hinzuzufügen hat, was man bereits über andere Quellen über Andreas Niedrig erfahren hat. Von echtem Nachempfinden eines unglaublichen Lebenslaufs ganz zu schweigen.
Schade.