Kurzbeschreibung
Was kann uns Griechenland, die vermeintliche Wiege der europäischen Kultur, heute geben? So lautet die Frage, auf die die fünf Texte dieses Bandes Antwort geben. Den Auftakt gibt der unerhörte Frevel Lykaons, der sich vermaß, die Unsterblichkeit der Götter auf die Probe zu stellen. Zur Strafe verwandelt Zeus den ersten Menschen ins "Andere seiner selbst", den berüchtigsten Werwolf Arkadiens. Auf den wölfischen Zeus folgt die schaumgeborene Aphrodite und ihre Priesterinnen. Allen voran die Hetäre Phryne, die sich vor ihren Richtern entblößt. Sie gibt die Urszene, in der das Begehren des Rechts nach der Wahrheit zum Bild wird - lange bevor eben dieses Recht die weibliche Allegorie der Gerechtigkeit erfindet, der ja bekanntlich noch die Augen verbunden sind. Nicht besser dankt die Philosophie der Göttin, der sie alles verdankt. Platons Symposion ist der Ort, an dem der Sex in Sokrates seinen Meister findet. Fortan sichert ein zum "Aufseher schöner Knaben" bestimmter Eros die Wissensübertragung von Mann zu Mann - und im lahmen Begehren, begehrt zu werden, kann akademisches Wissen beginnen; bis sich schließlich - nicht nur an Charcots Salpetrière - die Wahrheit des Rechts und die Wahrheit der Universität zur Wahrheit des Menschen zusammenschließen: eine Frau als Schauobjekt, eine Menge von Männern, die begierig ist zu wissen, zu hören und zu sehen und ein einzelner Herr, der zwischen ihnen und dem stummen weiblichen Akt vermittelt, der zeigt und spricht, weil er das Wissen hat. Es bedurfte erst einer neuen Physik, in der - allen Lehren Goethes zum Trotz - die Physis Griechenlands wiederkehrte, damit wieder ein Blick nach Kythera gehen konnte, "dorthin, wo wunderschöne Unordnung geherrscht haben soll".
Über den Autor
Cornelia Vismann war Professorin für Geschichte und Theorie der Kulturtechniken an der Bauhaus-Universität Weimar. Sie studierte Recht und Philosophie und arbeitete u.a. als Rechtsanwältin in Berlin. Nach ihrer Dissertation "Akten. Medientechnik und Recht" (2000) habilitierte sie sich mit einer Arbeit zur "Verfassung nach dem Computer" im öffentlichen Recht. Cornelia Vismann ist am 28. August 2010 in Berlin gestorben.