Es ist unbestreitbar, daß der Kirchenlehrer Aurelius Agustinus in seinem Werk "Vom Gottesstaat" (De Civitate Dei) das Christentum gegen heidnische Polemik verteidigt. Jedoch entwickelt er aus seiner Verteidigung (Apologie) heraus ein eigenes christlich-fundiertes Weltbild. Dieses lässt sich kurz und präzise wie folgt skizzieren: Der irdische, römisch-heidnische Staat (Civitas terrena) bleibt per se immer von Gott entfernt und wird als Antithese dem vollkommenen Gottesstaat (Civitas Dei) gegenüber gestellt; jeder zukünftige irdische Staat soll sich am Gottesstaat orientieren, um der gottgegebenen Ordnung so nahe wie möglich zu kommen (Corpus Christianum = Civitas Dei auf Erden). Augustinus folgt dem pessismistischen Geschichtsbild Sallusts und der Staatsdefition Ciceros und verdammt die Idee der ROMA AETERNA als "irdischen Messianismus". Im Untergang des Machtstaates Rom sieht Augustinus einen sich zwangsläufig abwickelnden Naturprozeß [Quelle: Die Welt der Römmer, Hrsg. Otto Leggewie, Aschendorff Verlag/Münster 1991, 6. Auflage, S. 47, 119, 172 ff.]. Entscheidend ist der Gedanke, daß der Mensch durch seine Zuwendung zu Gott schon zu Lebzeiten an diesem Gottesstaat Anteil haben kann und damit zum "Volk Gottes" bzw. zum "Leib Christi" (Corpus Christianum) gehört. Die Civitas Dei ist somit höchster Ausdruck der gottgewollten Ordnung, die schon in allen irdischen Wesen und Dingen erkennbar wird. Im frühen Mittelalter, insbesondere im Reich Karls des Großen, wurde diees Ordnungsprinzip konsequent weiter entwickelt: Gott, der allerhöchste König, ist Lehensherr aller irdischen Könige; ergo: jeder irdische König ist letzlich ein Lehnsmann Gottes, was sich auch in der Formel "Dei gratia minister Omnipotentis" wiederspiegelt.
Altchristliches Gedankengut, daß eine Sache mit dem ihr entsprechenden Namen bezeichnet werden soll [Nomen-Res-Theorie], damit die gottgewollte Ordnung nicht gestört werde, basiert insbesondere auf den Lehren von Augustinus. Für die Geschichte des Abendlandes hatte die augustinische Lehre der "Nomen-Res-Theorie" weltpolitische Bedeutung ==> Der de facto herrschende Hausmeier Pippin III. der Ältere - Vater Karls des Großen - konnte den letzen, de facto machtlosen König der Merowinger Childerich III. absetzen, um dann selbst König der Franken zu werden. Pippin erlangte die Legitimation dazu durch Papst Zacharias, indem er fragte, ob es gut sei oder nicht, daß es Könige ohne königliche Gewalt im Frankenreich gebe. Papst Zacharias antwortete: " Es ist besser, der wirkliche Inhaber der Gewalt [res regis] heiße König [nomen regis] als einer, der ohne Königsgewalt geblieben ist". [Quelle: A. Bühler, U. Dirlmeier, H. Ehrhardt et al., Das Mittelalter, Theiss Verlag/Stuttgart 2004, S.86].
Aufgrund seiner umfassenden Theorie des Gottestaates wird Aurelius Augustinus nach meiner Auffassung zu Recht als der "christliche Platon" bezeichnet.