Pressestimmen
»Obwohl (Overhoff) ein erzählendes Buch geschrieben hat, geht es ihm nicht um historische Vollständigkeit oder um analytische Durchdringung der Werke von Rousseau, Kant oder Moses Mendelssohn. Worum es ihm geht, ist vielmehr der Hinweis auf eine Tradition, deren beste Argumente die meisten, die den gegenwärtigen Bildungsdiskurs prägen, als undurchdacht, längst überholt und insofern ungebildet dastehen lassen. (...) Man kann es auch so formulieren: Overhoff erinnert an eine Tradition, für die Erziehung noch mit Freiheit zusammenhing, darum aber auch mit Anstrengung und Ausdauer. --Jürgen Kaube, DLR Kultur, 28.06.2009
»Der Potsdamer Erziehungswissenschaftler Jürgen Overhoff bringt mit klarem desillusioniertem Blick den recht eigentlich dramatisch zu nennenden Kulturwechsel in der Bildungspolitik auf den Nenner. Er erinnert an die grossen Einsichten der Aufklärung und an eine pädagogische Ästhetik, bei der das Lernen noch glücklich machen konnte und - statt ein paar dürre credit points - innere Befriedigung gab.« --Neue Zürcher Zeitung, 28.04.2009
»Overhoff blickt in seinem gehaltvollen Buch auf die geistesgeschichtliche Vielfalt und die Dimensionen, die sich mit dem Lernen jenseits rein ökonomischer Verwertbarkeit verbinden - ein Glücksfall für jeden Bildungsinteressierten.« --Entscheidung. Magazin der Jungen Union Deutschlands, 03/2010
Neue Zürcher Zeitung, 28.04.2009
Kurzbeschreibung
Mit hektischem Aktionismus reduziert die Politik die Bildung auf ihre ökonomische Verwertbarkeit. Vor dem Hintergrund der großen vor uns liegenden Herausforderungen zeigt der Autor Wege auf, wie Lernen wieder als Glück begriffen werden kann. Dabei verweist er uns auf die Einsichten und Erfolg versprechenden Bildungsvorstellungen, die von den Denkern der Aufklärung entwickelt wurden.
Klappentext
Jürgen Overhoff wendet sich gegen die vorherrschende eindimensionale Lesart des Lernens als Zwang und Notwendigkeit: Er zeigt, wie die Begründer der modernen Erziehung - von Locke über Rousseau bis hin zu Kant - das Lernen auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten vorrangig als Zeichen der menschlichen Würde und Freiheit begriffen haben. Einfühlsam schreibt er über die zwölf wichtigsten Tugenden, die von den führenden Aufklärern des 18. Jahrhunderts mit Verve propagiert wurden: - Wissbegierde - Neugier - Anschauung - Vernunft - Einbildungskraft - Aufrichtigkeit - Gemeinnützigkeit - Mitgefühl - Toleranz - Gottvertrauen - Chancengleichheit und - Selbstdisziplin
Ein Panorama des aufklärerischen Denkens
Über den Autor
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Spätestens seit dem PISA -Schock und gerade auch im Zuge der fortschreitenden Globalisierung der Wirtschaft wird von deutschen und europäischen Bildungspolitikern jeglicher Couleur immer häufiger und mit immer größerem Nachdruck die Forderung vorgetragen, daß lebenslanges Lernen nunmehr eines der überragenden Gebote der Stunde sei. Dabei wird das Lernen vorrangig als zentrale Aufgabe jedes gewissenhaften Bürgers definiert, der danach strebt, auf dem immer anspruchsvolleren Arbeitsmarkt der sich formierenden Wissensgesellschaft mithalten zu können. Augenscheinlich erlauben es die rasanten Veränderungen im Arbeitsleben unserer Gesellschaft kaum noch, ein Leben lang im gleichen Beschäftigungsfeld tätig zu sein. Das beständige Hinzulernen, die stetige Weiterbildung, so scheint es, ist demnach eine der ersten Bürgerpflichten geworden, die man auch schon Kindern (möglichst im Vorschulalter) beizeiten nahe bringen sollte.
An immer neuen Bildungsprogrammen, die lebenslanges Lernen als Leitlinie und offizielles Ziel europäischer und deutscher Bildungspolitik ausweisen, herrscht denn auch kein Mangel. Die meisten der aktuellen deutschen Programme sind den einschlägigen Vorgaben der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung verpflichtet, wie sie in der 2004 veröffentlichten Strategie für Lebenslanges Lernen in der Bundesrepublik Deutschland nachzulesen sind. Mit ihrer Empfehlung, »lebenslanges Lernen zu einer Selbstverständlichkeit in jeder Bildungsbiografie werden zu lassen«, ist die deutsche Bund-Länder-Kommission wiederum einer entsprechenden Entschließung des Rates der Europäischen Union aus dem Jahr 2002 gefolgt, in der sämtliche Mitglieder der Staatengemeinschaft ausdrücklich ersucht werden, »umfassende und kohärente Strategien« zur Förderung des lebenslangen Lernens auszu arbeiten. Denn erst wenn alle ständig lernen, so der Europäische Rat, wird »die Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt« werden können, der allein »ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen« garantiert.
Das Urdokument und zugleich der gemeinsame Bezugspunkt all dieser Bestrebungen ist jedoch das bereits im Jahr 2000 von der Europäischen Kommission verabschiedete Memorandum über Lebenslanges Lernen . In dieser Denkschrift sind erstmals jene bildungspolitischen Leitvorstellungen und Standards in verbindlicher Form definiert worden, die seither »richtungsweisend für die künftige Politik und Aktionen der Europäischen Union« sind. Wer immer heute im nationalen, europäischen oder auch regionalen Rahmen öffentliche Gelder zur Finanzierung von Förderprogrammen beantragt, die dem lebenslangen Lernen gewidmet sind, wird deshalb kaum umhin kommen, in seinen Projektvorschlägen Geist und Gehalt des Memorandums genau zu beachten und grundsätzlich zu bejahen.
Leider zeugt der Wortlaut des Memorandums von ei ner sehr eindimensionalen Lesart des Lernens, da er nahezu ausschließlich die ökonomische Bedeutung des Lernens betont, was sich auch in den auf ihn bezogenen und bereits zitierten deutschen Bildungsprogrammen in aller Eindeutigkeit widerspiegelt. Darüber hinaus ist der Text der Denkschrift von einer derartigen Krisenrhetorik geprägt, daß den Leser notgedrungen das beklemmende Gefühl beschleicht, mit einer unvergleichlich schwierigen, ja gefährlichen historischen Situation konfrontiert zu sein. Tatsächlich weist das Memorandum unentwegt darauf hin, daß die Art und Weise, wie moderne Volkswirtschaften »den Wettbewerb untereinander austragen«, heute sehr viel »größere Risiken und Unsicherheiten« für den einzelnen Bürger mit sich bringt, als die wirtschaft-lichen Gepflogenheiten früherer Jahre.
So erlebten die europäischen Nationen momentan einen noch nie dagewesenen, »tiefgreifenden Wande[l] der Produktionsverfahren, der Handelsströme und der Investitionsmuster«, der die eingefahrenen und zur Gewohnheit gewordenen Lebens- und Arbeitsmuster zwangsläufig zu Auslaufmodellen degradiere. Vor allem die »digitale Technik«, die fundamentale »Änderungen in sämtlichen Bereichen des Lebens der Menschen herbeiführe«, mache völlig neue Kenntnisse erforderlich. Verstärkt gefragt sei daher die Tugend der raschen »Anpassungsfähigkeit«, um den sich wandelnden gesellschaftlichen und beruflichen Anforderungen zu entsprechen und damit die eigene Arbeitsfähigkeit erhalten zu können. Die möglichst zügige und flächendeckende Implementierung lebenslangen Lernens sei daher auch eine »unabdingbare Voraussetzung« für »die Beschäftigungsfähigkeit im Europa des 21. Jahrhunderts«. Sie sei geradezu der »Schlüssel« zum persönlichen Erfolg in der »wissensbasierten Gesellschaft und Wirtschaft« der Zukunft. Denn nur der permanent lernwillige, »von der Wiege bis zum Grab« täglich hinzulernende Mensch werde verläßlich dazu befähigt, in der »Informationsgesellschaft« überhaupt bestehen und flexibel auf die sich rasant verändernden Umweltbedingungen reagieren zu können. Wer nicht lernt, nicht lernen will, nicht lernen kann, bleibt also - wie es im Memorandum resümierend und ohne Ironie in bewußt drastischen Worten heißt - »auf der Strecke«.
Nun ist diese (Über-)betonung der ökonomischen Bedeutung eines lebenslangen Lernens möglicherweise sachlich nicht ganz falsch, doch klingt sie wenig verheißungsvoll. Denn durch den suggestiven Verweis auf machtvolle wirtschaftliche Zwänge wird die Aufforderung zum beständigen Lernen doch eher als eine bedrückende Botschaft empfunden. Im Vordergrund steht eine neue Beschwernis, die Last, nicht die Lust des Lernens. Doch geht es beim Lernen wirklich in der Hauptsache darum, sich an seinem jeweiligen (nationalen) »Standort« gut »aufzustellen«, um dann aufdringliche Wettbewerber mit einer gezielt lancierten »Bildungsoffensive« auszustechen ? Ist das Lernen tatsächlich seinem innersten Wesen nach eine Art Überlebenstraining, das notgedrungen absolviert werden muß, wenn man seine wirtschaftliche Existenz sichern will? Muß man wirklich gezwungenermaßen Tag für Tag aufs neue lernen, oder ist es nicht viel eher ein Zeichen der persönlichen Freiheit , also ein Privileg und ein großes Glück, lernen zu dürfen ?
Vielleicht könnten europäische und deutsche Bildungspolitiker ein größeres Maß an Gelassenheit zurückerobern und bessere, weil menschenwürdigere Begründungen für die Bedeutung des lebenslangen Lernens liefern, wenn sie dafür zu gewinnen wären, den gegenwärtigen gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel mit durchaus ähnlichen Entwicklungen der europäischen Geschichte zu vergleichen. Vielleicht ließe sich ja aus der Geschichte lernen, könnten frühere Erfahrungen neu bedacht werden, zum Nutzen und Vorteil auch der jetzt lebenden Generation. Denn daß die heutigen sozialen und wirtschaftlichen Transformationsprozesse möglicherweise doch nicht so ganz ohne historische Parallelen sind, wie es vielfach unterstellt wird, scheinen selbst die Verfasser des europäischen Memorandums zu erahnen: Ohne diesen Zusammenhang näher zu illustrieren oder zu erklären, wird dort nämlich beiläufig behauptet, daß Europa heute einen Wandel erlebe, dessen »Ausmaß« allenfalls mit dem der - Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzenden - »industriellen Revolution« zu vergleichen sei.
Tatsächlich schlägt dieser nur vage angedeutete Vergleich zwischen unserer Zeit und dem 18. Jahrhundert eine sehr hilfreiche Brücke vom 21. Jahrhundert ins Zeitalter der Aufklärung - und eröffnet damit höchst interessante Perspektiven. Denn, so kurios es zunächst klingen mag, die heutigen Aufrufe zum lebenslangen Lernen mit ihrer effektvoll vorgetragenen Begleitmusik immer neuer Bildungsprogramme sind so neuartig nicht: [...]