Wenn ein Essay 150 Jahre überlebt und heute noch in Buchform neu aufgelegt wird, muß es einigermaßen bedeutsam gewesen sein. Nun ja, "Vom Glück, durch die Natur zu gehen" von H.D.Thoreau heute zu lesen ist mit Sicherheit keine Verschwendung von Zeit, ein Meilenstein der Philosophie, auch im Vergleich zu anderen Schriften Thoreaus, ist es allerdings genauso wenig.
Die Ausführungen des amerikanischen Philosophen, über das für das Menschsein so wichtige Rückbesinnen auf die Natur, das Sich-selbst-begreifen als Teil der Natur und nicht eines von aller Natur losgelösten Verständnisses menschlicher Zivilisation, sind einleuchtend und heute wohl aktueller und notwendiger als im Jahr 1861, als er diesen Essay verfaßte. Thoreau schildert seine Empfindungen und seine Umwelt- und Selbstwahrnehmung bei seinen ausgiebigen Wanderungen und die Vorzüge eines Lebens abseits des lauten, hektischen, reizüberfluteten, zwangüberladenen, fremdbestimmten Lebens inmitten städtischer Zivilisation. Man bedenke, der Autor schrieb den Essay vor 150 Jahren (!), was würde er wohl heute, in unserer vollkommen übergeschnappten und komplett wahnsinnig gewordenen Epoche menschlichen Daseins, schreiben? So weit, so lesenswert.
Wären da nicht ungefähre 20 der insgesamt 70 Seiten, die vor Patriotismus, Amerika-Idealisierung und nahezu dümmlich anmutender Verherrlichung seiner Heimat geradezu bersten. Seine schlußfolgernden Ableitungen aus der naturgegebenen westwärts Bewegung der Sonne und seines inneren Kompasses, der ihn bei seinen Wanderungen tendenziell immer westwärts wandern läßt, daß die menschlichen Kulturformen je westlicher, je jünger, je besser sind, muten reichlich grotesk an. Mag sein, daß dieses überbordende Selbstbewußtsein, diese überlegene Selbstwahrnehmung in der Zeit als Thoreau lebte für die Bewohner der neuen Welt nötig war, um ein eigenes Nationen- und Volksempfinden herauszubilden. Heute liest es sich befremdlich und läßt erahnen, woher das überhöhte Selbstverständnis vieler US-Amerikaner rührt, allen voran der Tea-Party-Bewegung, die USA als Übernation, als Vorreiter einer besseren Welt zu begreifen. Ohne dem Autor unterstellen zu wollen, daß er dazu beitragen wollte, haben die Dichter und Denker Amerikas dieser Generation wohl einen ganz erheblichen Anteil an der etwas zu selbstbewußten USA der letzten Jahrzehnte. Seltsam wirken diese Seiten in diesem Büchlein umsomehr, weil sie ohne Übergang eingewoben sind und mit der eigentlichen Thematik in kaum einem Zusammenhang stehen.