Das Buch ist einer der wenigen Ratgeber, die ich kenne, die es tatsächlich erfolgreich schaffen, einen praxisrelevanten Bogen vom Geschäftsprozess bis hin zur Implementierung in einem Workflow Management System (oder Business Process Management System - BPMS, da gibt es keinen Unterschied mehr) zu spannen, ohne im theoretisch-methodischen Geschwafel stecken zu bleiben. Das heißt aber nicht, dass das Buch ohne einen zugrunde liegenden methodisch fundierten Rahmen wäre: Er wird nur nicht überbetont, sondern durch handliche und ganz konkrete Handlungsanweisungen und Ratschläge (bis hin zu Checklisten im Anhang) ergänzt.
Damit kann das Werk wirklich zu einem Standardleitfaden für alle diejenigen werden, denen in ihrer heutigen oder zukünftigen Rolle einmal eine der zahlreichen Aufgaben in derartigen (IT-technischen) Umsetzungsprojekten heran getragen wird: Sei es als Projektmanager, als Analytiker, als Requirements Engineer, aber auch als Software Entwickler mit Affinität zu Workflow Management Systemen. Ganz wichtig und besonders als Zielgruppe hervorzuheben sind natürlich die Architekten und Designer von derartigen 'Workflow basierten Lösungen'. Das Buch ist aber auch ' vor allem durch seine klare und leicht zugängliche, aber deshalb nicht ungenau Sprache ' empfehlenswert für Prozessmanager oder Organisatoren und sonstige Mitarbeiter der Organisationsabteilung, die ein bisschen mehr die IT-Seite von Workflow Management Systemen und entsprechenden Implementierungsprojekten verstehen wollen. Da auch die Problematik und der Prozess der Auswahl möglicher BPMS Systeme sehr gut dargestellt wird, sind auch die Personen derartiger Evaluierungsteams ('Proof of Concept' etc.) im Fokus des Werks.
Das Werk richtet sich auch an Einsteiger (auch absolute Neulinge!) in diese Problematik im 'Graben' zwischen Prozessabteilung und IT, also auch an Personen, die noch nie derartige (Prozess oder Workflow) Projekte gesehen haben und sich auch (noch) nicht anderweitig über derartige Vorhaben informiert haben. Mit zunehmender Erfahrung werden die potenziellen Leser die Kapitel etwas selektiver in Anspruch nehmen und vor allem diejenigen Inhalte nutzen, die sie noch nicht in den Projekten benötigt haben. Die Darstellung ist dabei so schlank gehalten, dass man immer ganz nah an der Praxis bleiben muss: Auf langatmige theoretische Abschweifungen verzichten die Autoren zu Recht und bringen lieber eine Checkliste mehr.
Hinsichtlich der technischen und methodischen Inhalte kann ich nur bestätigen, dass diese absolut state-of-the-Art repräsentieren. Auch Standards (WS-BPEL, XPDL, BPMN) werden dem Leser locker aber exakt und richtig nahe gebracht, ebenso wie die etwas technischeren Konzepte von Integrationsarchitekturen im Rahmen einer service-orientierten Architektur oder Probleme im B2B (Business to Business) Bereich.
Am meisten gefällt mir aber die differenzierte und nuancierte Herangehensweise der beiden Autoren in einigen wichtigen Bereichen, die sich wohltuend vom Marketinggetöse der BPMS Hersteller unterscheiden. Hier merkt man die langjährige Projekterfahrung und die exzellenten Kommunikationsfähigkeiten der beiden Autoren in diesem Bereich.
Beispiel 'Schwach strukturierte Workflow': Hier wird zu Recht darauf hingewiesen, dass klassische BPMS Systeme tendenziell von fixen und vorstrukturierten Prozessen ausgehen. Sollte diese Voraussetzung nicht zutreffen, müssten man dann eben IT-technisch eher Case Management oder Collaboration Tools für die 'Automatisierung' einsetzen und nicht ein BPMS System.
Beispiel 'Direkte Überführung meines ARIS/ADONIS/whatever Modells in mein BPMS: Da kann ich mein Prozessmodell dann gleich ausführen': Hier wird endlich einmal nicht das Einhorn vom 'universellen und einheitlichen Prozessmodell für alle' beschreiben, sondern sachlich und absolut richtig mehrere Varianten für diese Transformationsleistung vorgestellt. Die formulierten Empfehlungen decken sich dabei exzellent mit unseren (Software AG) eigenen Erfahrungen aus wirklich sehr vielen derartigen Implementierungsprojekten (wir haben sogar unabhängig von diesem Buch eine isomorphe Terminologie entwickelt).
Beispiel: Abwägung Open Source BPMS Produkte versus Lizenzprodukte: Die vorgestellten Checklisten eines Anforderungsmanagements erlauben es, diese Frage ganz sachlich und unemotional anzugehen, ohne gleich Glaubenskriege anzetteln zu müssen.
Andererseits scheut das Buch auch nicht davor, möglicherweise 'heilige Kühe' zu opfern, bspw. was den aktuellen internationalen Standard zur Prozessmodellierung, die Business Process Modeling Notation (BPMN) anbelangt, die natürlich der (in Deutschland 1993 erfundenen) EPK (ereignisgesteuerten Prozessknoten) vorzuziehen ist. Aber auch hier bleiben die Autoren sachlich und abwägend und sind nie dogmatisch, gerade was die viel zu oft und zu Unrecht geforderte Frage nach 'Welche Standards unterstützen sie' anbelangt.
Hervorzuheben ist weiters die Qualität der Handlungsanleitungen: Die vorgeschlagenen Gliederungen, Aktivitäten, Listen, Anforderungskatalogen, Checklisten, Workshop Agenda u.a.m. bieten einen wirklich guten ersten Einstiegspunkt für die ganz konkrete Projektarbeit über alle Phasen von derartigen BPMS Auswahl- und Implementierungsprojekten. Wenn sie für das nächste Workshop, für die nächste Präsentation noch nichts vorbereitet haben, könnte man ganz leicht als Einstieg und exzellenten Start einfach die entsprechenden Vorschläge des Buchs präsentieren. Der Text und die gut dosierten Hintergrundinformationen erlauben es weiters auch, dass sie als Projektleiter oder Präsentator das Workshop professionell und vor allem gut und heil überstehen.
Der leichte Text wird durch wirklich viele (gute) Graphiken und Tabellen ergänzt; an manchen Stellen finden sich sogar Ausschnitte aus (WS-BPEL oder XML) 'Code', um das Geschriebene auch technisch abzusichern (Das Buch ist natürlich kein BPMS, WS-BPEL, Java oder XML Programmier-Buch).
Der guten Ordnung halber möchte ich noch auf die Rezension von Hrn. Max J. Pucher eingehen: Hr. Pucher qualifiziert das Werk in einer irreführenden und nicht mehrheitsfähigen Weise herab, die von derart groben Missverständnissen (auf Seite von Hrn. Pucher) und falschen Behauptungen strotzt, dass ich mich frage, ob das Buch (und ich selbst) und Hr. Pucher über dieselben Begriffe 'Geschäftsprozesse' und 'Workflow Management Systeme' sprechen. Offensichtlich ist das nur eine Gegenreaktion auf einen länglichen und mühsamen Thread in der XING Gruppe 'Geschäftsprozessmanagement', in dem Hr. Pucher nicht konsensfähig eine extrem eigenwillige Interpretationen dieser Begriffe (samt Software) kommuniziert hat. Seine Meinung entspricht keinesfalls dem, was die nationale und internationale BPM Community sowohl in Wissenschaft als auch in der informierten Praxis über diesen Gegenstand denkt und handelt.
Jetzt aber wieder zurück zum Buch: Natürlich hätte man an der einen oder anderen Stelle noch mehr (vertiefende) Informationen bringen können (schauen sie einfach im online Inhaltsverzeichnis nach, wie viele Seiten ihrem ganz persönlich wichtigen Thema gewidmet sind!): Die 271 Seiten Text (ohne Glossar und Index!) sind aber ein derart exzellenter Einstiegstext in diese Materie, dass eine Vertiefung in weiterer Fachliteratur locker und mühelos möglich ist.
Abschließend kann ich meine Kaufempfehlung für die oben angeführte Zielgruppe nur nochmals wiederholen: Sie werden es nicht bereuen!