Wenn Achim Reichel sich auf die Suche nach Material begibt, ist das immer eine interessante Angelegenheit. In der Vergangenheit hat er aus Shanties kernige Fußwipper gemacht, er hat Gedichte alter und neuer Meister nach allen Regeln der Kunst so vertont, daß sie ein unvoreingenommenes Publikum erreichten - sprich: immer hat er aufgezeigt, daß "deutsche Musik" nicht zwangsläufig schlechte oder langweilige Musik sein muß. Daß er sich nach all den klassischen Balladen und Shanties nun dem Volkslied zuwendet, ist eigentlich eine logische Folge seiner bisherigen Experimente, auch wenn er selbst im Booklet erklärt, daß er zu Volksliedern erst sehr spät einen Draht gefunden hat. Nun hat er sich also aufgemacht, 15 Volkslieder in seinem Sinne zu interpretieren - lassen wir uns überraschen.
Was die Liedauswahl angeht, muß man eindeutig schon einmal den Hut ziehen - mit einem guten Gespür für schöne, nicht allzu kitschige Texte hat sich Achim Reichel einige schöne Lieder herausgepickt und sie in ein paar Fällen nachbearbeitet, d. h. gekürzt, wo sie ihm zu lang waren ("Königskinder") und ausgebaut, wo seiner Meinung nach noch etwas gefehlt hat ("Rosenmund"). Es ist ihm dabei tatsächlich gelungen, die Veränderungen vorzunehmen, ohne dabei den Stil der Liedtexte zu zerstören, was auch keine Selbstverständlichkeit ist.
Den größten Eingriff hat er sich - wie eigentlich schon üblich - bei den Arrangements erlaubt, wobei die Melodien natürlich grundsätzlich erhalten blieben. Die großartigen und größtenteils bereits aus früheren Reichel-Alben bekannten Begleitmusiker Frank Wulff, Berry Sarluis, Pete Sage, Uwe Granitza, Helge Zumdieck und Gastmusiker Piet Abele sowie Stoppok sorgen mit größtenteils akustischen Instrumenten für eine behagliche oder schwungvolle Atmosphäre, die sich durch das gesamte Album zieht. Echte Rocktitel sind zwar auf "Volxlieder" nicht zu finden, aber andere Ideen bei Rhythmus oder Besetzung sorgen für einen frischen Wind in den alten Liedern.
Auch die Tontechnik ist ordentlich, so weit - so gut. Allerdings gibt es etwas, das die Freude dann doch merklich trübt - und das ist ausgerechnet Achim Reichel selbst. Fast das gesamte Album hindurch läßt er die Töne schleifen, singt auffallend falsch oder "eiert" hörbar um die richtigen Töne herum. Absicht? Unwahrscheinlich. Natürlich ist Achim Reichel auch für seine Lockerheit bekannt, mit der er einzelne Titel angeht, aber gerade fremdes Material hat er immer mit viel Respekt behandelt. Schlechten Monat im Tonstudio gehabt? Schon eher möglich. Fragt man sich nur insgeheim, ob der Zeitdruck wirklich so groß war, daß man an einigen Titeln nicht mehr hätte feilen können. Denn leider sorgen die schrägen Sangestöne zwischen den keinesfalls schlechten Arrangements dafür, daß einem die Freude an diesem Album sehr schnell vergeht.
"Volxlieder" hätte wirklich gut werden können, aber leider sorgt Achim Reichel selbst dafür, daß es eher zu einer gezwungenen Angelegenheit verkommt. Ein paar Stunden Tonstudio mehr hätten dem Album wahrscheinlich hörbar gut getan ...
Ach ja - und ausgerechnet bei "Der Mond ist aufgegangen", ohnehin einem echten Juwel, das man pflegen sollte, von ursprünglich sieben auf drei Strophen runterzugehen, war eindeutig die falsche Entscheidung. Klar wirkt ein Titel mit nicht mal dreieinhalb Minuten weniger sperrig als einer über acht Minuten, aber - ist das wirklich ein Maßstab für jemanden, der auch schon mal Stücke veröffentlicht hat, die sich über eine ganze Schallplattenseite zogen - zumal die Kapazität der CD mit nicht mal 48 Minuten Spielzeit alles Andere als ausgereizt ist?