Gerade kommt Anita Berber wieder schrecklich in Mode. Und da hilft es, sich daran zu erinnern, dass "die Berber" ja nur eine der vielen Protagonisten der Zeit war, als Berlin wirklich als eine von drei führenden Metropolen auf der Welt galt: In den verrückten, manchmal feiernden, aber immer etwas wirren 20er Jahren. Weimar hatte das Kaiserreich abgelöst. Und für ein paar wenige Jahre war es nicht in Mode, Deutsch oder National zu sein. Und mit dem Kaiserreich hatten auch viele der bürgerlichen Werte abgedankt, zerschossen in den Schützengräben des 1. Weltkriegs. Aber so ist das manchmal bei Konkursen: Es entsteht etwas neues, etwas kreatives. Grenzen fallen, Schranken verschwinden, insbesondere die in den Köpfen. Und plötzlich geht was.
So konnte sich die Moderne Kunst sehr plötzlich in der Stadt durchsetzen. Und mit der Moderne kam das neue Theater, neue Literatur, neue Sinnlichkeit, neue Drogen. Und immer ging es auch um eines: Um Erotik, um Sex, um diesen Teil der Wirklichkeit, der sowohl im Viktorianischen England und als auch im Willhelminischen Deutschland irgendwie zu kurz gekommen war.
Man soll nicht vergessen, dass dies eine Zeit bitterer Armut für eine Mehrheit der Bevölkerung war. Und so führte die Armut, verursacht durch den Krieg und die folgende Inflation auch zu einer ungewöhnlichen Welle von Prostitution in der Stadt. Und so konnte man Dinge kaufen, die besser niemals hätten kauflich sein sollen.
Beide Entwicklungen - Intellektuelle Offenheit von oben, Not der Prostitution von unten - verbanden sich zu der besonderen Atmossphäre, die dann das berühmte Berlin der 20er Jahre ausmachte. Innovativ, spannend, freizügig, verdorben. Manchmal schon etwas streng riechend, so dass man glaubte, die nachfolgende Katastrophe des Dritten Reiches auch schon in der Nase zu haben. Im Film "Cabaret" ist die Ambivalenz dieser Zeit großartig dargestellt.
Dieser Band zeigt nun, was hinter den Legenden, den Büchern, den Geschichten von damals stecht: Das Nachtleben, die Prostitution, die Freikörperkultur, das homosexuelle Leben - bei Männern und Frauen, die Perversionen, die gewagten Photos von damals. Durchaus mit Freude am Detail und nicht immer jugendfrei. Am Schluss des Buches gibt es einen Stadtplan, an dem die wichtigsten Institutionen des damaligen Nachtlebens im Detail beschrieben sind. Auch die Reaktion der Nazis auf diesen "Sündenpfuhl" wird beschrieben.
Die Stärke sind für mich die offenen Texte über dieses Thema, sowie die Bilder und Zeichnungen aus der damaligen Zeit. Das Verständnis von Schönheit und Erotik hat sich seit damals doch sehr gewandelt, so dass nicht wirklich erotische Spannung entsteht - aber dafür erhält man wohl den ehrlichsten Einblick in die "goldenen" Zwanziger, den man überhaupt haben kann.