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Produktinformation
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Pablo De Santis hat seinem Protagonisten auf jeden Fall ein echtes Herz mitgegeben, derart farbig und lebendig hat er ihn gezeichnet. Er erzählt von seiner Flucht und den Abenteuern mit Voltaire, mit dem gemeinsam er ein großes Komplott des Klerus zur Zeit der Französischen Revolution entdeckt, als wäre er bei all dem selbst dabei gewesen. Und er zeigt uns die Dialektik einer Aufklärung, die sich in falschen Automaten, merkwürdigen Bordellen, industrialisierten Hinrichtungen und einem regen, säkularisierten Reliquienhandel erging. Damit trifft er die Zeit tatsächlich auf überaus poetische Weise mitten ins Herz.
In Monsieur de Vidors Schule für Kalligraphie, in der De Santis' Protagonist sein schönes Handwerk erlernt, gibt es einen Saal, der an beiden Seiten mit Fenstern versehen ist. Diese Fenster müssen auf Geheiß der Verantwortlichen immer geöffnet sein, sogar im Winter: "Denn man glaubte, dass ein gut gelüfteter Raum die beste Voraussetzung für einen gelungenen Buchstaben war", heißt es im Roman. Wenn dem so ist, dann hat De Santis Voltaires Kalligraph wohl in absolut frostiger Kälte verfasst. Denn da ist jedes Wort so perfekt gesetzt, als habe er es im verschnörkelten Stil vergangener Jahrhunderte mit Federkiel und Tinte auf das Papier gebracht. --Stefan Kellerer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Einmal wurde einem Todgeweihten, dessen Urteilsspruch Dalessius zu Papier bringen musste, das Verdikt samt all seinen Schnörkeln und Siegeln kurz vor dem Weg zum Henker gezeigt. Der Mann war von der Kunst des verkannten Kalligraphen so angetan, der aus seinen Verbrechen etwas derart Schönes entstehen lassen hatte, dass er aus sich hervorstieß, er würde weitere zehn Männer umbringen, bekäme er dafür nur wieder solch ein Kunstwerk zu sehen. Von diesem und anderen kuriosen Fällen wenig angetan, beschloss Marschall de Dalessius, Dalessius' Onkel, seinen Neffen weit weg zu schicken, auf Schloss Ferney, wohin ein anderes Enfant terrible seiner Zeit, der scharfzüngige Philosoph Voltaire, sich zurückgezogen hatte. Voltaire, mittlerweile ein alter Mann, findet Gefallen an der Art des jungen Dalessius und schickt ihn als seinen persönlichen Kurier nach Toulouse. Voltaire, des Klerus' schärfster Kritiker, vermutet dort eine Verschwörung fanatischer Mönche.
Dalessius reist inkognito mit der „nächtlichen Post", einem Unternehmen im Besitz seines Onkels, das die Leichen Gefallener oder Verunglückter in ihre Heimatorte überführt. In der holprigen Kutsche entdeckt er einen Glassarg, in dem eine seltsam anmutige Frau liegt, die irgendwie untot wirkt; in der Tat. Wenig später sollte er die Auferstandene in einem Freudenhaus „lebendig" wiedersehen, aber nur für kurze Zeit, denn Schergen des Dominikanerordens schneiden ihr die Kehle durch; wenngleich das auch deren Ende bedeutet; zumal die geheimnisvolle Unbekannte kein Mensch, sondern eine perfekt nachempfundene Maschine war - mit Selbstzerstörungsvorrichtung. Konstruiert wurde die explosive femme fatale vom genialen Ingenieur von Knepper nach dem Abbild seiner Tochter Clarissa, die er wie eine Gefangene von der Welt abschirmt. Als Dalessius in Paris Clarissa, das lebende Vorbild der „Untoten", trifft, nimmt eine unerfüllte Beziehung zwischen den beiden ihren Anfang. Von Knepper will den Kalligraphen nicht nur von seiner Tochter fernhalten, er steht gezwungenermaßen auch im Dienst des Dominikanerabtes Mazy, welcher ihn beauftragte, eine detailgetreue Maschine nach dem Abbild des im Sterben liegenden Bischofs anzufertigen. Mithilfe des sprachfähigen Roboters soll die Sache der Kirche gegen jene der Aufklärer und Häretiker verteidigt werden, ohne dass Außenstehende davon erführen.
Dalessius, vom Abt enttarnt, flieht zurück zu Voltaire, der ihn aber mit neuen Instruktionen ausgerüstet erneut nach Paris schickt. Voltaires Kalligraph gerät dabei immer mehr in das klerikale Komplott hinein. Schauriger Höhepunkt ist Dalessius' Zusammentreffen mit dem Meister-Kalligraphen Silas Darel, seinem einstigen Idol. Darel sitzt leichenblass in einer Verlies ähnlichen Klause und schreibt mit dem Blut seiner Feinde. Der junge Kalligraph tötet den alten. Wie? Nun, die Feder ist bekanntlich mächtiger als das Schwert. Dies bestärken auch ein von Voltaire zur Vervielfältigung gegebenes kryptisches Pamphlet sowie 42 Worte, durch die der Roboter-Bischof letztendlich enttarnt wird.
Mehr als 17 Jahre danach hütet Dalessius das konservierte Herz des längst verstorbenen Voltaire und sinniert: „Herzen verausgaben sich im Leben. Danach kann ihnen nichts mehr Schaden zufügen." Eine wunderbare Metapher für den hart erkämpften Sieg der Aufklärung.
Wie schon in „Die Übersetzung" bzw. „Die Fakultät" versteht es der argentinische Schriftsteller, Elemente verschiedener Genres perfekt zu etwas literarisch völlig Neuartigem zu vermengen, das weder Krimi, Horror, noch Historie, sondern ein Kunstwerk für sich ist. Besonders faszinierend die Doppelfigur Clarissas, einmal als unerreichbar Schöne, dann als mechanischer Golem. Sie zieht nicht nur Dalessius und den Leser in ihren Bann, sondern treibt den Bildhauer Mattioli in den Freitod. Mit einem nach ihrem Abbild gemeißelten Statuenkopf um den Hals gebunden, macht der moderne Pygmalion seinem Leben in der Seine ein Ende. Ein bizarr-romantischer Todesfall á la de Santis.
Pablo de Santis legte mit „Voltaires Kalligraph" ein weiteres Meisterwerk an skurrilem Humor, Wortwitz wie pointierter Satire hin. Als roter Faden durch alle drei bisherigen Romane bleibt de Santis' Besessenheit für Bücher, die in düsteren Bibliotheken, blutgetränkten Seiten und mordenden Archivaren Niederschlag findet. Wer Pablo de Santis einmal gelesen hat, wird seinen Stil unter tausend Werken sofort wiedererkennen.
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