ISBN: 392320843X Manchettes Held Eugène Tarpon ist eine Figur in der Tradition Chandlers und Hammetts. Er weiß um die inneren Zusammenhänge, die die Welt regieren, und um die Ausweglosigkeit diese Ungerechtigkeiten zu korrigieren. Seine Einmischung oder Beteiligung beginnt eher zufällig, er wird „... hineingezogen und er ist aktiv am Geschehen beteiligt, aber er reflektiert nicht den Fall. Auf seiner Suche nach der verborgenen Wahrheit begegnet er der Gewalt, und Gewalt durchdringt den gesamten Alltag, in dem die Handlung angesiedelt ist." (Auszüge aus Chandlers Essay "The Simple Art of Murder) Mit dieser Charakterisierung wird auch Tarpon gut getroffen: Er ist ein ehemaliger Gendarm, d.h. er war Teil einer Ordnungsmacht, die "in Mannschaftsbussen ohne Toiletten kaserniert" wurden und "hin und wieder Arbeiterdemonstrationen auseinandertrieben". Während eines solchen Einsatzes tötete Tarpon einen Menschen und quittierte den Dienst. Er wird Privatdetektiv ("Im wirklichen Leben beschäftigt sich ein Privatdetektiv mit Scheidungen, Geschäftsüberwachungen, und, wenn er besser dasteht als ich, mit Wirtschaftsspionage. Nicht mit Gewaltverbrechen, ... denn dann muß man die Polizei rufen ... ") und hält sich mit kleinen Aufträgen mehr schlecht als recht über Wasser. Und er stolpert in Kriminalfälle hinein, bei denen er wenig gewinnen kann. Seine Motivation ist unklar, sein Einmischen könnte er selbst nicht begründen, und trotzdem ist er mit einem Male mitten in einem Fall. Er stolpert von Situation zu Situation, mehr ein Getreibener als einer, der die Geschichten aktiv vorantreibt. Er muß Prügel einstecken und kann sich selten dafür revanchieren. Er ist zynisch und ohne Illusionen, aber die begonnene Aufgabe wird trotz aller Gegenreaktion an Gewalt zu Ende gebracht. Manchette knüpft hier an die Tradition von Raymond Chandler und Dashiell Hammett an und findet eine moderne, auf Europa zugeschnittene Form des amerikanischen "hard-boiled" Krimis, nämlich die starke Verankerung in der Geschichte sowie im sozialen und politischen Alltag Frankreichs. "Volles Leichenhaus" deutet diese politischen, sozialen und kulturellen Veränderungen, die die Ereignisse nach Mai 1968 mit sich bringen, an: Besatzungszeit, die Nazis, die Kollaborateure und die alten Kameraden sowie die Unterdürckung und Ausbeutung der sozial Schwachen ("...Ich jagte bedauernswerte idiotische Penner, um zu verhindern, daß sie Besitzende ... um ihren Besitz brachten; ...während Drogenhändler in der Nationalversammlung und sonstwo saßen ...). Manchette erzählt schnell, geradlinig und ohne Atempausen, lakonisch mit knappen Dialogen, kurzen Sätzen und hintergründigem Humor. Daraus entsteht fast beiläufig - aber nicht unbeabsichtigt - eine ätzende Kritik an den französischen Zuständen, vor allem an der Orientierungslosigkeit der Linken. "Volles Leichenhaus" wird in einem Sog erzählt, der den Leser mitreißt und ihn nicht ruhen läßt, bis die 200 Seiten verschlungen sind. Ein Klassiker und absolutes Muß für jeden Krimi-Liebhaber !