Eigentlich heißt er Christian. In seiner Kindheit und Jugend nannten ihn alle Christian, ob Mutter oder Mitschüler. Aber so heißt er längst nicht mehr. Jetzt nennt er sich selbst "Der Bildhauer" und alle Welt nennt ihn so, die Polizei, die Presse. Alle. Er wollte es so.
Der Bildhauer ist von großer, stattlicher Figur, ein Body-Bilder durch und durch, außerdem ausgestattet mit hoher Intelligenz. "Er verstand, was es bedeutete, als seine Grundschullehrer sagten, dass er seine Tests auf Genieniveau bestand." Christian probiert aus, experimentiert, bereift Vorgänge, Zusammenhänge und versteht jede Sache. "Aber die eine Sache, die er nie begriff, war die Liebe seiner Mutter". Und so wird er zum Mörder und schließlich zum Bildhauer, der menschliche Leichenteile zu Michelangelo-Statuen "verarbeitet".
Die erste "Arbeit", die Christian der Öffentlichkeit präsentiert, ist die Reproduktion von Michelangelos Marmorskulptur des betrunkenen Bacchus mit dem schalkhaften Satyr. Die Statue ist so perfekt nachgebildet, dass die Michelangelo-Expertin Dr. Catherine Hildebrant beim Anblick der Statue sich ins Gedächtnis rufen musste, "dass sie hier auf ein Paar mit Bleiche behandelter Leichen blickte".
Hier stellen sich nun zwei Fragen. Die eine, ob das mit Leichenteilen, die letztlich verwesen, möglich ist, also, sie über einen langen Zeitraum zu konservieren, um sie dann zu formen? Die zweite, warum, um alles in der Welt, sollte ein Mensch so etwas tun? Der Autor hat auf diese Fragen, wie ich finde, plausible Antworten. Und diese Antworten rücken die grausamen Geschehnisse seines Thrillers in eine denkbare Wirklichkeit. Und hier liegt zweifellos das Lesevergnügen dieses Buches.
Gregory Funaros Serienmörder wendet zur Konservierung und Verarbeitung von Leichen die patentierte Methode Dr. Günther von Hagens an, der durch seine Wanderausstellung: "Körperwelten" weltweit bekannt wurde: die Plastination, ein Verfahren, bei dem das Zellwasser im Vakuum durch Kunststoff ersetzt wird(ganz grob ausgedrückt). Funaros Bildhauer geht der Plastination mit großer Leidenschaft und Geduld nach. Das ist sehr anschaulich beschrieben in diesem Buch und weckte mein Interesse an Dr. Hagens Arbeit. Es eröffnete sich mir eine faszinierende Welt und 'Körperwelten', die Ausstellung, die ich bisher sehr abstoßend fand, sehe ich inzwischen mit anderen Augen.
Die zweite Frage, warum ein Mensch so etwas tut, begründet der Autor mit den Eindrücken und Erlebnissen in der Kindheit und Jugend des Mörders. Dass Christian anders war als seine gleichalterigen Mitschüler, merkte er schnell. Für Mädchen empfand er nichts, für Jungs schon mehr, aber sein erster Mord erregte ihn und es war so einfach gewesen. Ja, Christian war anders als andere, das wusste er, aber warum das so war, konnte er sich nicht erklären, weil die Bilder seiner Jugend in tausende Schnipsel zerrissen waren, die er nicht zusammenzufügen vermochte. Sie passten einfach nicht.
FBI Special-Agent Sam Markham und die Michelangelo Expertin Dr. Chatherine Hildebrant, die im Fall des Bildhauers ermitteln, versuchen, die Vorgehensweise und Gedankenwelt des Serienkillers nachzuvollziehen, um ihn überführen zu können. Die sich hier entwickelnden Dialoge der beiden, über die Werke Michelangelos und die Interpretation des Verhältnisses Michelangelos zu seinem Schüler Tommaso de' Cavalieri anhand Michelangelos Sonetten, das hat ganz große Klasse und ist eine wahre Bereicherung. Allein das macht das Buch lesenswert, weil es auch verführt, Michelangelo näher kennenzulernen. Letztlich fügt das Polizeiduo die tausend Schnipsel der Jugendbilder des 'Bildhauers' zusammen. Meine zweiten Frage, warum ein Mensch das tut, wird im Buch beantwortet und ist ein wirkliches Highlight.
Insgesamt ein intelligenter und gut lesbarer Thriller mit Schwächen in der Dialogführung und im Handlungsaufbau, der den Leser nicht mitreißt, sondern nur Mitwisser sein lässt: Es fehlt der Spannungsbogen. Es scheint, als habe sich Autor zu wenig Zeit für das Schreiben gelassen, als hätte ihm ein Termin im Nacken gesessen. Zweihundert Seiten mehr hätten Platz für nähere Erläuterungen und einen solideren Aufbau der Handlungsstränge gelassen. Trotzdem 5 Sterne für eine gut ausgedachte und fundamentierte Geschichte.
Gregory Funaro hat zwischenzeitlich seinen zweiten Thriller geschrieben: 'The Impaler.' Ich bin gespannt darauf.