38 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Überaus nützliches und gut handhabbares Nachschlagewerk., 16. November 1999
Von Ein Kunde
Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin, New York: de Gruyter, 1998. 128,- DM.
„Worte können sein wie winzige Arsendosen, und nach einiger Zeit ist die Wirkung da", schreibt Victor Klemperer in seinem berühmten Buch „LTI" (=Lingua tertii imperii) über die Sprache im Nationalsozialismus. Der Philologe Klemperer hat als Zeitzeuge genau hingehört und mußte feststellen, daß mit dem Sprachverfall der Terror einherging. Der Untergang des Dritten Reiches bedeutete aber nicht, daß die Sprache des Dritten Reiches mit unter ging. Anlaß genug für diejenigen, die glauben, daß Sprache das Handeln bestimmt, zu warnen. So entstand unmittelbar nach dem Krieg das „Wörterbuch des Unmenschen", in dem die Autoren Sternberger, Storz, Süskind 28 Begriffe erklären, derer sich die Nazis bemächtigt hatten. Die Sprachkritiker verfolgen laut Vorwort mit ihrem Wörterbuch das entgegengesetzte Ziel üblicher Wörterbücher: uns eine Sprache fremd zu machen - die der Nazi-Unmenschen.
Mehr als fünf Jahrzehnte später und fünfundreißig Jahre nach ihrer ersten Publikation zum Thema („Vom Abstammungsnachweis zum Zuchtwart", de Gruyter, 1964) liefert Cornelia Schmitz-Berning nun ein Nachschlagewerk zum Vokabular des Nationalsozialismus, das die frühen und immer wieder zitierten Arbeiten Klemperers, Sternbergers und anderer in vieler Hinsicht übertrifft. Zunächst was den Umfang anbelangt. Auf über 700 Seiten erläutert die Autorin beinahe ebensoviele Stichwörter. Alphabetisch angeordnet findet der Suchende Begriffe, die die Nazis für ihre Zwecke kreiert bzw. mit einer neuen Bedeutung belegt haben. Dies begann nicht erst 1933 mit der Machtergreifung/Machtübernahme, sondern schon in der sogenannten Kampfzeit zwischen 1918 und 1933. Von da an tauchten im öffentlichen Sprachgebrauch Wörter, Wendungen und Abkürzungen auf, die so zuvor nicht benutzt worden waren. 1933 dann macht, wie es Ossietzky in der „Weltbühne" formuliert, „die NSDAP ihre agitatorische Sprache unbedenklich zum amtlichen Stil". Diese beherrscht alsbald Presse und Rundfunk, schließlich auch das private Gespräch.
Schmitz-Berning nutzt für ihre Wörtersammlung verschiedene Quellen: während der NS-Zeit erschienene Lexika und Duden, die „Meldungen aus dem Reich", Gestapo- und Regierungsberichte, Berichte von Ortsgruppen- und Kreisleitern der NSDAP, NS-Presseanweisungen, die Sitzungsprotokolle des Nürnberger Prozesses, aber auch Texte, die Aufschluß geben über den privaten Sprachgebrauch. Entscheidend für die Aufnahme der einzelnen Stichwörter waren die Häufigkeit ihres Vorkommens und die Zugehörigkeit zu einem terminologischen System, beispielsweise Blut, deutsch, jüdisch, Rasse, u.a.
Der Aufbau des dem Stichwort folgenden Artikels ist immer gleich, was dem Leser die Orientierung erleichtert. Will er beispielsweise etwas über Propaganda wissen, findet er zunächst die Bedeutung, die das Stichwort im Sprachgebrauch der Nazis hatte: „Bezeichnung für alle Maßnahmen des Nationalsozialismus zur einheitlichen Ausrichtung des Volkes in allen politischen Fragen." Dem folgen über zwei Seiten eine etymologische und semantische Herleitung des Begriffes. Durch diese Vorgeschichte eines Wortes und die anschließende vierseitige Dokumentation der Verwendungsweisen im NS wird deutlich, wie die Nazis Wörter mit neuen Bedeutungen belegt haben. Schmitz-Berning zitiert die Passagen über Propaganda aus Hitlers „Mein Kampf" und den Reden des Propagandaministers Goebbels. Sie weist daraufhin, daß sofort 1933 der werbetreibenden Wirtschaft verboten wurde, den Ausdruck Propaganda gleichbedeutend mit Reklame für die Wirtschaftswerbung zu verwenden. Der Begriff Propaganda soll der politischen Betätigung der Nationalsozialisten vorbehalten bleiben. Besonders erfolgreich sind die Versuche, durch Presseanweiseungen dem Ausdruck Propaganda eine ausschließlich positive Konnotation zuzuweisen allerdings nicht. Es wird sogar gefordert, die Propaganda des politischen Gegners ausschließlich als Hetze und Agitation zu bezeichnen. Schmitz-Berning zitiert auch diese Erlasse und nennt gewissenhaft die Quellen. Schließlich wird in einem dritten Artikelabschnitt der heutige Gebrauch weiterverwendeter oder wiederverwendeter Ausdrücke beleuchtet.
Die Genauigkeit und Ausführlichkeit der Lexikonartikel machen den außerordentlichen Wert dieses Nachschlagewerkes aus. Es ist ein Lexikon, das man bei allem Erschrecken über die Verrohung der Sprache mit Gewinn liest. Denn neben den Stichwörtern, deren Herkunft aus dem Umfeld der Nazis eindeutig ist, beispielsweise PG, Reichsarbeitsdienst oder die Formel auf der Flucht erschossen, findet der Leser auch Stichwörter, die er vielleicht nicht sofort dem Nazi-Sprachgebrauch zugeordnet hätte, beispielsweise Festung Europa, ein Begriff, der während der Asyldebatte in den neunziger Jahren wieder aufkam. Und der Leser findet Stichwörter, beispielsweise Intellektuelle oder Journaille, die Gruppen bezeichnen, die vor, während und nach dem Dritten Reich, nicht besonders angesehen waren.
Die Autorin hat kein wichtiges Stichwort vergessen. Von abmeiern bis Zwischenreich ist alles aufgeführt. Zwar mag man das Fehlen eines Indexes beklagen, doch ist das unerheblich im Vergleich zu der Informationsfülle, die die einzelnen Stichwortartikel bieten. So ist Schmitz-Bernings Sammlung des NS-Vokabulars ein für Historiker, Philologen, Sozialwissenschaftler und nicht zuletzt Journalisten überaus nützliches und gut handhabbares Nachschlagewerk. Ein wenig Propaganda - mit positiver Wertung! - für dieses als Ein-Frau-Unternehmen entstandene Werk sei gestattet.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein