(Vorsicht, Spoiler!)
Mit diesen Worten versucht der zwielichtige Pluthner (Harry Woods) den berüchtigten Gesetzlosen Wes McQueen (Joel McCrea), den er soeben aus dem Gefängnis befreit hat, daran zu erinnern, daß er sich keinesfalls mit dem Gedanken tragen sollte, seinem bisherigen Leben den Rücken zu kehren. Nicht nur, daß er noch für weitere Coups gebraucht werde - und schließlich noch eine Schuld abzutragen habe -, nein, er habe ohnehin keine Chance, in ehrlicher Gesellschaft Fuß zu fassen. Die Antwort, die Wes Pluthner auf diese Bemerkung erteilt, ist ebenso rabiat wie die Reaktion, die die verräterische Julie Ann (Dorothy Malone) später von ihrem Vater (Henry Hull) bekommen wird, und beide Reaktionen sind als Ausdruck des Gedankens zu verstehen, einem Menschen einen Neuanfang zuzubilligen, ihm dem Schicksal zu entreißen und seine Entwicklung zum Ergebnis seiner eigenen Bemühungen werden zu lassen - ganz so wie es das Land der unbegrenzten Möglichkeiten eben verheißt.
Raoul Walsh hat mit "Colorado Territory" aus dem Jahre 1949 eines der ganz seltenen Exemplare des Western noir geschaffen - ein erstes, vielleicht noch packenderes war ihm zwei Jahre zuvor mit "Pursued" gelungen -, in dem ein Held mit dunkler Vergangenheit sich zwar einen Neuanfang wünscht, aber durch alte Verpflichtungen und durch Intrigen seiner Umgebung dem Verhängnis entgegensteuert. Als der berüchtigte Outlaw McQueen nach einer skurrilen Befreiungsaktion endlich wieder auf freiem Fuß ist, möchte er eigentlich nur noch als Farmer ganz von vorn einfangen, doch seine freundschaftliche Verpflichtung gegenüber seinem Mentor Rickard (Basil Ruysdael) bewegt ihn dazu einzuwilligen, noch einmal einen Eisenbahnraub zu begehen. Er versteckt sich in der verlassenen Mission Todos Santos, wo er sich sofort mit seinen neuen Partnern (John Archer und James Mitchell) anlegt, der eine ein hinterhältiger Intrigant, der andere schon von Beginn von Neid auf McQueen zerfressen. Die Rivalität zwischen den Männern wird noch angefacht durch die Anwesenheit der Saloonsängerin Colorado (Virginia Mayo), die sich sofort zu McQueen hingezogen fühlt. Unter diesen ungünstigen Vorzeichen machen sich die Männer an die Ausarbeitung ihres Überfallplanes, doch ist McQueen bereits jetzt damit beschäftigt, an seine neue Zukunft zu denken. Auf der Reise nämlich hat er den Farmer Winslow und dessen Tochter Julie Ann kennengelernt und sich recht bald in die junge Frau, die seiner verstorbenen Freundin Martha so ähnlich sieht, verliebt. Julie Ann indes fühlt sich zu Höherem als einem Leben als Rancherstochter im Westen berufen, sie träumt von Reichtum und sozialem Prestige, und so wird sie schließlich am Ende bereit sein, den Mann, der sie liebt, für das ausgesetzte Kopfgeld zu verraten.
Verfall und Verrat dominieren die Handlung und die Schauplätze von "Colorado Territory" und zeigen deutlich, daß es für den tragischen Helden wohl keine unbegrenzten Möglichkeiten geben wird. Schon die Eröffnungssequenz zeigt uns die schroffen Felswände und Schluchten des Canyons of Death, in denen sich ein Großteil des Dramas abspielen wird, die Gesetzlosen hausen in den verlassenen Ruinen der spanischen Mission, die von einem alten Goldgräber wegwerfend als "the dead end of nothing" bezeichnet wird. Hier seien die spanischen Siedler von den Indianern vertilgt worden und letztere dann von den Skorpionen und Gila-Echsen. Auch das Weideland, das der alte Winslow treuherzig gekauft hat, ohne es vorher in Augenschein zu nehmen, entpuppt sich als trockene Ödnis. Die Sonne, sie scheint zwar - was im im Film noir normalerweise eher ungern tut -, doch ihre Strahlen fallen auf eine karge und todbringende Landschaft, deren Lebensfeindlichkeit sie nur noch verstärken.
Aber auch die menschlichen Beziehungen sind von Täuschung, Selbstsucht und Hinterlist geprägt: Die junge Frau Colorado sieht in ihrer Zukunft so wenig Möglichkeiten, daß ihr die Option, bei den Banditen in Todos Santos zu bleiben und diese zu bedienen, noch am lohnenswertesten vorkommt. Pluthner und die beiden anderen Gauner planen, sowohl Wes als auch Rickard auszubooten; der gekaufte Eisenbahnmitarbeiter, der beim Raub helfen soll, spielt ebenfalls sein eigenes Spiel, und auch die Hüter des Gesetzes arbeiten mit den übelsten Finten, um Wes zu überlisten, indem sie sich die Liebe Colorados zu dem Outlaw zunutze machen. Überhaupt kommen die Gesetzeshüter in "Colorado Territorry" alles andere als gut weg, zeigt die Kamera doch schon am Anfang des Filmes, mit welcher Rohheit sie die Torte auseinanderschneiden, die Wes geschickt bekommt - einer der Deputys hat seine Riesenfinger im Tortenguß -, weil sie argwöhnen, im Backwerk könnte ein Kassiber oder ein Werkzeug versteckt sein. Auch ist es einer der Gesetzeshüter, der sein Streichholz am Stiefel eines gehängten Banditen entfacht - eine Geste des blanken Zynismus, die später in unzähligen Italo-Western kopiert werden sollte, die aber hier - man korrigiere mich - zum ersten Mal im Western auftaucht. So hat also Wes McQueen von keiner Seite Gnade zu erwarten - weder von den trügerischen Spießgesellen noch von den sadistischen Männern des Gesetzes. Umso schlimmer ist es, daß ihn schließlich auch noch die Frau verrät, in die er sich verliebt hat (oder die er als Ersatz für seine verstorbene Geliebte ausersieht), und diesen Moment inszeniert der sonst so feurige und der Übertreibung nicht abholde Ire Walsh mit wunderbarem Fingerspitzengefühl, indem er den Film in diesem einen Augenblick, in dem sich abgrundtiefe Enttäuschung in McQueens Blick zeigt, geradezu pausieren zu lassen scheint, bevor es dann weitergeht. Freilich hält der Film nicht wirklich an, aber McCrea schaut mit solcher Fassungslosigkeit, daß dem Zuschauer eine Sekunde lang das Herz gefriert. Keine Musik, nicht mal ein Zoom, einfach nur dieser Blick.
"The sun travels west and so does opportunit", ließ der alte Winslow auf seinem Weg ins Colorado-Territorium noch voller Zuversicht das Credo des Amerikanischen Traums verlauten, aber so wie die Sonne im Westen untergeht, so scheinen dies schließlich auch alle Chancen auf einen Neuanfang zu tun. Vom lebensfrohen Optimismus der menschlichen Möglichkeiten, der ja trotz aller Einschränkungen und Vorbehalte letztlich noch das amerikanischste aller Genres bis in die 50er Jahre hinein bestimmte, ist in "Colorado Territory" nichts zu spüren - wenn man einmal die ziemlich gezwungen wirkende Schlußszene, in der die Glocke von Todos Santos endlich wieder läutet, vornehmlich dank der Spende, die Colorado von der Beute aus dem Raub abzweigt, außer acht läßt.
Wie oben bereits angedeutet, glänzt McCrea in der Rolle des in die Enge getriebenen Gesetzeslosen, der auf doppelte Weise Gefangener seiner Vergangenheit ist. Seine lakonische und doch in den entscheidenden Momenten unaufgeregt ausdrucksvolle Art verleiht der Filmfigur ihre Glaubwürdigkeit. Auch Henry Hull vermag in der Rolle des anständigen und etwas naiven Vaters zu überzeugen. Dorothy Malone zeigt schon zu Beginn, daß ihrer Figur eine gewisse Kühle und Berechnung innewohnt - man denke an den sehr skeptischen Blick, den Julie Ann ihrem in der Postkutsche um sein Leben betenden Vater zuwirft. Mein absolutes Highlight - ich bin eben nur ein Mann - ist allerdings Virginia Mayo, die auf fabelhafte Weise in den Film eingeführt wird, wenn man sie zum ersten Mal inmitten der Ruinen der Mission sieht, wie sie ihr langes blondes Haar kämmt, und wenn sie dann aufschaut und man in ihr Gesicht sieht, dann kann man McQueens Festhalten an der Farmerstochter eigentlich gar nicht mehr richtig nachvollziehen.
Leider ist die DVD genauso karg ausgestattet wie der Canyon of Death: Der Film liegt auf Deutsch und auf Englisch vor, aber es fehlen jedwede Untertitel, und von Extras brauchen wir erst gar nicht zu reden. Der Film selbst erhält indes meine uneingeschränkte Empfehlung.