Schön, dass man noch Autoren entdecken kann -- und schade, dass man sie erst noch entdecken muss, denn Marina Zwetajewas (1892-1941) Werk ist hierzulande immer noch nicht recht bekannt. Dabei ist sie, neben Anna Achmatova, die bedeutendste russische Lyrikerin des 20. Jahrhunderts.
Marina Zwetajewa stand abseits der Ismen und literarischen Kreise ihrer Zeit, wenngleich sie mit vielen Schriftstellern und Malern, darunter Rilke und Pasternak, befreundet war. Aktionismus à la Majakowski war ihr suspekt; ihr ging es "um die Sache selbst" -- ums Schreiben nämlich. Es ging ihr darum, das "Sichtbare in den Dienst des Unsichtbaren zu zwingen". Was hier so abstrakt und schwer verständlich klingt, wird bald klar, wenn man Zwetajewas Gedichte liest -- immer nur eins oder zwei, nicht mehr. Diese Gedichte brauchen Platz, um zu wirken, wenn sie mit teils einfachen, teils komplizierten Bildern Seelenzustände und Gedanken abbilden. Vor allem aber leben diese Gedichte von ihrem Rhythmus; hier hat Zwetajewa zahlreiche Traditionen aufgegriffen; vor allem der Rückgriff auf die Heldensagen ist deutlich erlennbar, denen aber gleichberechtigt Umgangssprachliches gegenübersteht: Ausrufe, Auslassungen, überhaupt alle Arten mündlicher Rede, die von Aufregung geprägt ist.
Natürlich galt Zwetajewas Lyrik lange als "unübersetzbar", so scheint es sich nun einmal für hervorragende Lyriker zu gehören. Unter der Herausgeberschaft von Fritz Mierau haben es mehrere renommierte Lyrik-Übersetzer seit den 1970er Jahren doch gewagt, und die Mühe hat sich gelohnt: Die Übersetzungen, je nach Übersetzer mal eng am Text, mal relativ frei, vermitteln einen guten Einblick in Zwetajewas Lyrik und lassen ihren besonderen Reiz erkennen. Erfreulicherweise ist diesen durchweg guten Übersetzungen dennoch der russische Originaltext gegenübergestellt.
Aufschlussreich ist auch die Kurzbiographie Marina Zwetajewas im Anhang; schließlich lebte diese Schriftstellerin überall, nur nicht in einem Elfenbeinturm; u.a. hielten sie und ihre Familie sich jahrelang in Deutschland, Frankreich und der Tschechoslowakei auf, erst im Juni 1939 (!) kehrte sie in die Sowjetunion zurück.