In seiner Vivaldi-Biographie "Voice of the Baroque" prophezeit Robbins Landon, dass die geistliche Musik Vivaldis den Ruhm der anderen Werkkategorien, selbst der Orchesterwerke, in den Schatten stellen könnte. Wer sich mit dieser Box näher auseinandersetzt, kann dieses gewaltige Wort zumindest nachvollziehen.
Ich habe mir die Sammlung Mitte Dezember besorgt und höre sie seitdem regelmäßig durch: Hier folgt ein Höhepunkt auf den anderen. Das "Gloria" kennen sicher viele Liebhaber; ich würde es jedem Einsteiger empfehlen, weil es das ganze Spektrum dieser Musik zeigt. Aber auch das große Dixit Dominus oder das Laudate Pueri, ferner das Stabat Mater und die Messsätze (insbesondere Kyrie) sind groß angelegte Werke, die den Hörer schlicht überwältigen.
In den mehrstimmen Chorsätzen, kommt Vivaldi in der Kunstfertigkeit der polyphonen Stimmführung, aber auch in der Ernsthaftigkeit des Tones an Bach heran. In den Eröffnungssätzen springt den Hörer hingegen oft Lebenfreude und Schwung an, die allerdings nie auf Kosten der Spiritualität gehen. Viele Soloarien sind von unbeschreiblichem melodischen Reiz. Jeder möge auf der ersten CD (Track 6: Duett von Sopran und Alt) die Probe aufs Exempel machen.
Die vorliegenden Aufnahmen zeigen im Übrigen alle Stärken Kings, den man von einigen herausragenden Händel-Aufnahmen kennt (auf seinen Ezio, der es immer noch nicht auf Platte geschafft hat, warte ich schon über 10 Jahre). Denn einerseits besitzen die Aufnahmen alle Tugenden der historischen Aufführungspraxis, andererseits wahren sie die Spiritualität der Musik und setzen nicht so sehr auf Schärfe und Schnelligkeit wie manche Opus 111-Aufnahme.
Geben Sie Vivaldi eine Chance: Es lohnt sich!