Angefangen haben COLDPLAY auf PARACHUTES noch als Independent-Band, die aber schon zu großen, eingängigen Melodien fähig war. Bei A RUSH OF BLOOD TO THE HEAD liehen sie sich ein wenig U2-Feeling und schafften damit den Durchbruch. X&Y fiel dagegen fast rein poppig aus und machte die Jungs um CHRIS MARTIN zu Superstars. Da läge es vom Kalkül doch nahe, den Weg weiter zu beschreiten und "X&Y 2" aufzunehmen. Doch gerade das haben COLDPLAY nicht gemacht - sie sind nicht den sicheren Weg gegangen. Stattdessen haben sie sich mit ihren vergangenen Erfolgen die Freiheit erarbeitet, das zu machen, was sie wollen. Klar ist, sie machen jetzt keine komplett verkopfte Musik wie RADIOHEAD (warum auch, die Band gibt es bereits) und sie haben auch sonst das Rad der Musik nicht neu erfunden. Viel mehr haben CHRIS MARTIN (Gesang, Klavier), JONNY BUCKLAND (Gitarre), GUY BERRYMAN (Bass, Keyboards) und WILL CHAMPION (Schlagzeug) ihren Sound erweitert, neue Einflüsse hinzugefügt und daraus einen schmackhaften Musik-Shake gezaubert, namens VIVA LA VIDA OR DEATH AND ALL HIS FRIENDS.
Die gravierendste Veränderung ist schon mal der Gesang: sang CHRIS MARTIN früher meist in sehr hohen Lagen, so setzt er auf VLVODAAHF mehr seine natürliche" Stimme ein. Für mich ist das ein Pluspunkt, es klingt einfach entspannter und natürlicher - zudem dürfte es seine Karriere länger erhalten, denn das hohe Singen ist auf Dauer extrem strapaziös für die Stimmbänder. Die zweite wichtige Veränderung sitzt auf dem Produzenten-Stuhl und hört auf die Namen BRIAN ENO (unter anderem U2, PETER GABRIEL) und MARKUS DRAVS (unter anderem ARCADE FIRE). Die Beiden haben COLDPLAY offenbar dazu gebracht, darüber nachzudenken, was sie mit ihrer Musik wollen: größtmöglichen Erfolg oder aber doch lieber selbst zufrieden sein?
COLDPLAY entschieden sich offensichtlich für letzteres. Da wird geklatscht, mit Flamencorhythmen experimentiert, zudem öffnete sich die Band für Einflüsse der Weltmusik und lässt die Gitarre schon mal nach Sitar klingen. Aber die Musik lässt immer wieder Platz für große Melodien und Hymnen, für die die Band bekannt ist. Aber immer nur kurz, um dann einen musikalischen Roadblock zu setzen und den Hörer zu überraschen. Dies ist alles nicht wirklich neu, aber es gibt der Musik etwas von ihrem Zauber zurück. Es ist unberechenbarer als X&Y, weniger direkt als A RUSH OF BLOOD TO THE HEAD aber eingängiger (im Sinne von Zugänglich) als PARACHUTES.
Insofern ist VIVA LA VIDA OR DEATH AND ALL HIS FRIENDS eigentlich "DAS" COLDPLAY-Album, da es Stil-Elemente der Vorgänger übernimmt, modifiziert, mit neuen Aspekten versieht, neue Ansätze wagt und den Zuhörer auf eine Reise durch den Musik-Kosmos mitnimmt, die er so schnell nicht vergessen wird. Sollte BRIAN ENO einen ähnlichen Erfolg beim nächsten U2-Album haben, dann hätte er schon zwei der großen Pop-Gruppen davor bewahrt zu Selbst-Plagiaten zu werden.