Seit nun mehr einigen Jahren stand "Vittorio" in meinem Bücherschrank herum und ich konnte mich nie so richtig dazu durchringen, das Buch zu lesen. Ich habe es versuchsweise ein paar Mal angefangen, nach kurzer Zeit aber zu Gunsten eines anderen Schmökers immer wieder weggelegt. Nach 5 Jahren in meinem Besitz und drei ernüchternden Wochen habe ich das Buch nun in seinem vollen Umfang verinnerlicht und durchgelesen.
Ganz ehrlich: Ich habe selten ein so langweiliges und eintöniges Buch gelesen wie dieses, und noch dazu handelt es sich hierbei um ein Werk aus der Feder von Anne Rice. Die Anne Rice, die "Interview mit einem Vampir" kreierte, nein- erschaffen- hat. Und nun das? Wenn man sich die Entwicklung der Chronik allerdings mal betrachtet (und dazu zähle ich jetzt einfach mal alle Vampirbände), dann wird schnell klar, dass die Autorin mit zunehmender Anzahl ihrer Blutsaugerreihe kontinuierlich abbaut. Und "Vittorio" stellt für mich den bisherigen Tiefpunkt dar.
Grob geht es darum, dass der junge Landadelige Vittorio seine ganze Familie durch den Überfall eines Vampircovens verliert und nun auf Blutrache sinnt. Er verliebt sich nebenbei in das Vampirmädchen Ursula und kriegt während seiner Vendetta zudem himmlische Unterstützung. So viel zum Inhaltlichen.
Die größte Enttäuschung für mich in diesem Buch ist eigentlich die Liebesgeschichte zwischen Vittorio und Ursula. Die soll ja so toll sein und sogar von Parallelen zu Romeo und Julia ist die Rede. Lächerlich, wenn man mich fragt. Die Liebe der beiden wird nur oberflächlich beschrieben, wirkt sehr gestellt und dadurch unauthentisch. Ganz allgemein ist die Liebe, die Vittorio so ausschüttet, eh nicht viel Wert. Er liebt ja eigentlich alles und jeden. Diesen Maler und diesen und das und jedes. Besonders nervend fand ich dieses Geschwätz über Fra' Filippo. Ich konnte damit nichts anfangen. Zwar bin ich viel nebensächliches Beiwerk von Anne Rice gewohnt, aber bisher hat es mich nicht gestört, sondern ich habe es immer als nette Dreingabe empfunden, mit dem sie ihre Geschichten ausschmückte. In dem Band wird der Leser seitenweise mit historischen Facetten und Anekdoten überschüttet und nicht selten bin ich über der einen oder anderen Passage eingenickt.
Und was soll ich zu den Engeln sagen? Das Anne Rice sich mehr und mehr in religiöse und klerikale Aspekte verrennt, ist spätestens seit "Memnoch" ersichtlich und zu diesem Zeitpunkt schon über das erträglich Maß hinausgeschossen. Und auch in diesem Band wird der Leser nicht mit gottesfürchtigen und christlichen Werten verschont. Mir hat das besser gefallen, als Gott und Teufel noch Wesen waren, über die die lieben Vampire nur Mutmaßungen treffen konnten. Mittlerweile haben dergleichen Einzug genommen. Warum ich für so ein vergleichsweise dünnes Buch schließlich drei Wochen gebraucht habe, dürfte nun hinlänglich klar sein...
Ich bin froh, dass Buch durchgelesen zu haben und jetzt wieder offen für neue Vampirromane zu sein. Der Versuch der Autorin, neben den etablierten Vampiren Lestat, Louise und Konsorten eine unabhängige und neue Autobiographie zu entwickeln, dürfte als gescheitert betrachtet werden. Aber das ist auch nur meine Meinung. Vielleicht würde mir das Buch besser gefallen, wenn ich nicht wüsste, was die Autorin schon für Meisterwerke zu Papier gebracht hat. Dieses Sinnieren über Gott und die Welt, richtig oder falsch und diese Doppelmoral ist nicht meins. Anne Rice Fans werden um dieses Buch nicht drum herum kommen. Man verpasst aber auch nichts, wenn man es sein lässt.
Zwei Sterne dafür, weil es halt immer noch Anne Rice ist und ich ein Buch von ihr kenne, was noch schlimmer ist.