Meine Leidenschaft für die Seattle-Combo um Eddie Vedder war in den letzten Jahren etwas abgekühlt, wenngleich ich mir quasi reflexhaft immer mal wieder die jeweils neueste Platte geholt hatte. Der letzte Leidenschaftskauf war
NO CODE gewesen,
YIELD und
BINAURAL waren pflichtbeflissene Anschaffungen gewesen. Nachdem ich mir nun einen mp3-Player zugelegt hatte, konvertierte ich meine PearlJamCollection ins passende Format und wurde selbst konvertiert.
Mit VITALOGY hatte damals meine Irritation mit dem musikalischen Wandel der Band begonnen, kurz: ich hatte irgendwas nicht verstanden. Heute ist mir klar, daß diese Platte die Funktion hatte, die Spreu vom Weizen zu trennen, soll heißen: jene dem doch sehr poppigen Grunge der ersten beiden Alben und dem diese begleitenden Medienhype verfallenen "Fans" von denjenigen zu trennen, die man als die wirklichen Fans bezeichnen könnte, Menschen, die sich von einer Band und ihrer Musik an die Hand nehmen lassen, sich öffnen und ihre Entwicklung akzeptieren, respektieren, daran partizipieren.
Bei mir hat es etwas gedauert, bis ich mich aus dem Bann der ersten beiden Alben
TEN und
VS. habe befreien können, aber wenn man mich heute fragt, welches das wichtigste und meiner Meinung nach beste Pearl Jam Album ist, müßte ich ohne Zögern antworten: VITALOGY.
Diese Platte ebnet den Weg dorthin, wo Pearl Jam sich mit der Platte NO CODE (mit der ich mich inzwischen auch viel besser verstehe als damals, als sie mich sozusagen vorläufig von meiner PJ-Leidenschaft kurierte) und den darauf folgenden Alben fortbegeben hat, und das ohne den bis dahin akkumulierten Fans einfach die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Jeder bekommt seine Chance, diese neue PearlJamMusik auch zu mögen. Damals gab es glaube ich einen Haufen Trottel wie mich, die sie nicht genutzt haben.
Aber es ist ja gottlob nie zu spät, nochmal klug zu werden. Nach der Nutzung meiner zweiten Chance durfte ich feststellen, daß VITALOGY einige der großartigsten Songs beinhaltet, die ich jemals gehört habe. Insbesondere die Balladen haben es mir dabei angetan: IMMORTALITY ist für mich neben NOTHINGMAN der melancholische Höhepunkt dieser Platte, und die zornigen Krachsongs SPIN THE BLACK CIRCLE, LAST EXIT oder WHIPPING bilden den eindrucksvollen und nicht minder hörenswerten Kontrapunkt. Dazwischen bilden die übrigen Songs durchweg hörenswerte Vermittler. Und wer mit dem wunderbar kafkaesken BUGS nichts anzufangen weiß, dem ist wohl nicht zu helfen. Ebenso denjenigen nicht, die sich über den "Garagensound" beschweren - der gehört so!
Historisch betrachtet kann man diese Platte wohl als Schnittstelle bezeichnen: Pearl Jam gibt es zweimal: vor und nach diesem Album. Man kann VITALOGY aber auch einfach als großartig bezeichnen. Hiermit geschehen.