Wie entfernt man Rotweinflecken aus einer Hose?
Wenn es um banale Alltagsdinge geht, ist Maresciallo Guarnaccia hilflos. Außerdem hat er von seiner abwesenden Ehefrau den Auftrag erhalten, sich um den Kauf einer geeigneten und bezahlbaren Eigentumswohnung in Florenz zu kümmern. Damit ist er endgültig überfordert, zumal ihm sein aktueller Fall vermutlich den Posten in der schönen Stadt am Arno kostet und sogar seine Familie in Gefahr bringen könnte. Die Versetzung in die tiefste Provinz droht, wenn er seinen Grundsätzen und Moralvorstellungen treu bleibt. Und wann wäre er jemals von ihnen abgewichen?
Guarnaccia werden wir in diesem Buch endgültig zum letzen Mal durch die verschlungenen Wege der Stadt der Medici gehen sehen, denn, Magdalen Nabb lebt nicht mehr. Sie starb sehr plötzlich in ihrer Wahlheimat, die sie uns durch den Maresciallo auf so liebenwürdige, kluge und doch so leise Weise nahe brachte. Salva Guarnaccias 14. Fall mit diesem jetzt so denkwürdig erscheinenden Titel endet für ihn dann doch nicht im Desaster, so viel sei verraten. Seine Erfinderin war mit ihrem originellen Serienantihelden noch lange nicht fertig, aber der Tod nahm ihr leider die Feder aus der Hand. So bleibt der "Tyrann von Syrakus" zurück, irgendwo im Touristengewimmel rund um den Palazzo Pitti, geerdet durch seinen Charakter und fest verankert in seiner Familie. Am Ende der Geschichte wird er keine Wohnung gefunden haben und abgenommen hat er auch nicht. Aber Teresa ist zurück. Sie wird sich um alles kümmern, auch um den Zustand seiner Kleidung und die Erziehung der gemeinsamen Söhne, die langsam erwachsen werden. Alles wird sein wie immer, aber wir Leser werden nicht mehr dabei sein dürfen.
Begleiten wir also den Maresciallo noch einmal bei seinen Ermittlungen. Wieder einmal ist August, die Stadt kocht in der toskanischen Sonne. Alle, die es sich leisten können, sind ans Meer geflohen und haben ihre Stadt den Touristen überlassen. Guarnaccia ist froh, dass seine Anwesenheit in einer jahrhundertealten Villa mit dicken, kühlenden Mauern erforderlich ist. Sie wird allerdings gerade mit einem Haufen neuen Geldes kaputtsaniert, ihr Charme für Protz und Tand zerstört. Außerdem liegt eine Tochter des Hauses tot mit einer Kugel im Hinterkopf im zweiten Stock des zum Anwesen gehörenden Turms. Die andere ist fassungslos, die Mutter wirkt emotionslos und der Vater liegt nahezu reglos mit einem Schlaganfall im Krankenhaus. Die Tote war unverheiratet und hinterlässt einen kleinen Sohn, dessen Vater nicht zu existieren scheint. Trotz des hohen Lebensstandards hat die Familie kein gesellschaftliches Leben; auch die Nachbarn, und das will etwas heißen, wissen wenig über sie. Staatsanwalt De Vita nimmt sich des Verbrechens an und der Maresciallo ist mit im Boot, was ihn etwas wundert, weil De Vita schon lange gar nichts von ihm hält: "Dieserdieser Kerl, begreift nichts, aber rein gar nichts!" Guaranccia hätte gar nichts dagegen, wenn er von diesem Fall verschont bliebe; mit reichen, empfindlichen Leuten kann man sich mehr Ärger einfangen, als man verkraften will. Außerdem beruht die Abneigung auf Gegenseitigkeit: der Kerl hat viel zu weiße Zähne und gefärbte Haare. Und er riecht nach Parfüm!
Doch Pflicht ist Pflicht. Guarnaccia recherchiert. Die Tote hat Chemie studiert. An der Universität weiß man nichts von einem Kind. Der kleine Piero gibt Rätsel auf. Und seine Existenz ist bei weitem nicht das einzige Geheimnisvolle an dieser Familie. Außer der Polizei interessiert sich auch Nesti, ein ehrgeiziger Journalist mit Hang zu exquisiter Kleidung und Nahrung, für die Familie Paoletti. Der Name ist sauber, der Polizeicomputer gibt nichts preis. Nesti aber weiß, dass Paoletti dunkle Flecken auf seiner Weste hat. Zuhälterei und Mädchenhandel stehen plötzlich im Raum, getarnt durch eine private Arbeitsagentur. Das schmutzige Geschäft mit dem großen Elend und die nie versiegende Gier bestimmter Männer auf junge, manchmal sehr junge Mädchen. Als Guarnaccia begreift, in welche einflussreiche Kreise seine und Nestis Ermittlungen führen, zieht es ihm fast den Boden unter den Füßen weg...
Dieser Roman zeigt einmal mehr, dass für Kriminelle das Milieu der Zwangsprostitution und des Menschenhandels nur deshalb so interessant ist, weil damit sehr viel Geld auf einem Markt verdient wird, der sich durch die ganze Gesellschaft zieht. Die lukrativsten Pfründe liegen im Milieu der "besseren" Gesellschaft, wo es hinter der schönen Fassade oft alles andere als fein zugeht. "Vita Nuova" handelt aber auch davon, dass die eigene Familie das Schlimmste sein kann, was das Leben zu bieten hat.
Helga Kurz