Die Reihe "Visuelles Wörterbuch" von Dorling Kindersley ist einfach äußerst schön gestaltet und bietet einen sehr umfangreichen Wortschatz. Auf über 300 farbigen Seiten werden die meisten der 6000+ Begriffe auf Deutsch, Arabisch und mit gut lesbarer Umschrift mit bzw. anhand von Fotos gezeigt und sind somit auf Anhieb verständlich. Meinem Lernverhalten kommt dies sehr entgegen. Diese Reihe ist auf dem deutschen Markt derzeit wohl konkurrenzlos. Für Sprachinteressierte sind die Darstellungen sehr lernfördernd.
Die Fotos bilden ausschließlich die westliche bzw. anglosächsische Kultur ab. Genau hier liegt der Haken, sobald der Wortschatz eines anderern Kulturbereiches verständlich gemacht werden soll. Der Band Arabisch-Deutsch weist hier IMHO einige erhebliche Mängel auf. Beispiele:
- So wird die gesamte arabisch geprägte Kleidung ignoriert, das arabisch geprägte Essen ebenso. Hamburger in allen Varianten sind zu finden, fast alle (Touristen wohlbekannte) Nahrungsmittel der Kategorie "peel it, grill it or forget it" fehlen.
- Standardbegriffe zu Gebäuden wie einer Moschee (Minarett usw.) finden sich genauso wenig wie die Worte Oase oder Düne im Bereich Wüste. Wer diesen Band auf einer z. B. Tour durch Ägypten mitnimmt, wird sich in westlich geprägten Bereichen sehr gut zurechtfinden, für die eher einheimischen, also "typischen" Lebensumfelder, fehlt das Vokabular (z. B. "Feluke" in Ägypten).
- Die Grundstrukturen der Verwandtschaftsbeziehungen sind in einer schönen Übersicht aufgeführt, allerdings wird nicht aufgezeigt, dass viele Beziehungen unterschiedliche Begriffe je nach mütterlicher oder väterliche Seite tragen (z. B. "Tante mütterlicherseits" oder "Tante väterlicherseits").
- Dass die westliche Kultur ihre Spuren im Alltag auch in arabischen Ländern hinterlässt, ist offensichtlich. Genauso offensichtlich ist allerdings, dass es auch weiterhin eine "arabische" Kultur geben wird mit ihren typischen Charakteristika. Skifahren (detailliert im Buch) wird sicher auch in einer hochtechnisierten Halle in der Wüste möglich sein, Bazare, Kamelmärkte oder sogar Kamelrennen und Falkenjagd sind wohl typischer für arabische Länder. Für diese Bereiche fehlt der Wortschatz gänzlich.
- Politisch korrekt sind Fotos von Personen unterschiedlichster Kulturkreise in die Darstellungen aufgenommen, einer jedoch fehlt gänzlich in der arabischen Ausgabe: der arabische!
- In der recht klaren zweiseitigen Übersicht über Zahlen fehlen die "echten" arabischen Ziffern gänzlich. Sie werden auch sonst an keiner einzigen Stelle im Buch erklärt (anders als z. B. in der chinesisch-deutschen Ausgabe, in der die chines. Ziffern zumindest klein mit aufgeführt sind). Ebenso bei der Erklärung eines (natürlich wieder ausschließlich westlichen) Kalenders.
Der Band scheint auch nicht ganz fehlerfrei im Wortschatz zu sein. Mir als Arabisch-Laien fiel zufällig schon beim ersten Durchblättern auf, dass das Flusspferd mit dem arabischen Wort für Seepferdchen (= "Meerespferd") übersetzt wird (auch im Register so aufgeführt).
Zum Nachschlagen finden sich zwei Register: deutsch und arabisch. Die arabische Schrifttype ist winzig. Wer nicht wirklich flüssig Arabisch lesen kann oder die Worte schon kennt, benötigt teilweise eine Lupe (trotz einwandfreien Sehvermögens), um ein Wort zu finden. Sehr hilfreich wäre ein drittes Register mit der Aussprache. Als Deutscher tut man sich doch oft sehr schwer, ein gesprochenes Wort in die arabische Schrift umzusetzen.
Die üblichen kleinen Hilfsmittel wie z. B. das vollständige Alphabet aufzulisten (z. B. auch nochmals am Seitenrand aller Seiten des arabischen Registers) vermisse ich ebenfalls. Beispiele für benutzerfreundliche Hilfen gibt es ja inzwischen viele auch im enzyklopädischen Bereich.
Schade ist auch, dass die Seitenzahlen nur mit unseren (westlichen) "arabischen" Ziffern bezeichnet sind und nicht auch mit den "echten" arabischen Ziffern. Das arabische Register verwendet ausschließlich die "echten" arabischen Ziffern. Ein praktischer Zusatzservice wäre dann noch die Lautschrift zu den Seitenzahlen! Platz wäre genug am Seitenrand.
Das verwendete Arabisch scheint das Schriftarabisch zu sein. Auf meinen Ägyptenreisen lernte ich teilweise andere arabische Begriffe für die normalen Dinge des alltäglichen Lebens (Begriffe, die auch in einem guten Wörterbuch aufgeführt sind). Hier wäre es hilfreich, wenn zumindest in Einzelfällen die gesprochene Sprache zusätzlich ergänzend einbezogen würde.
Eine ganz andere Frage ist auch noch, ob es gerade für Arabisch-Lernende nicht sinnvoll wäre, die arabischen Vokalisierungszeichen, die im normalen Schriftarabisch meist nicht verwendet werden, ebenfalls zu setzen. In manchen Wörterbüchern werden sie gesetzt. In arabischsprachigen Schulbüchern sind sie in den ersten Jahren eine Selbstverständlichkeit. Mir helfen sie sehr, mich auf die arabische Schrift zu konzentrieren und mir unabhängig von eine phonetischen Transskription arabische Worte einzuprägen. Beispiel: man schreibt KTAB, ausgesprochen werden kann das Wort KiTaB, eKTaB, KaTaBa usw. Man muss es einfach wissen/lernen je nach Kontext.
Trotz aller Kritik ein sehr empfehlenswerter Band für alle, die neugierig auf die arabische Sprache sind!
Ergänzung - Bei intensiver Arbeit mit dem Band stelle ich eine Reihe von weiteren Fehlern fest:
- In der Sammlung der Partikeln auf S. 320 kommen ohne erkennbaren Zusammenhang 5 Wortübersetzungen für "über" vor, ebenso "in" und "unter", "vor und nach" zwei Mal ohne Detailerklärung. Antonym-Paare werden unnötigerweise gemischt mit Partikeln.
- Im Register sind einzelne Worte aufgeführt, die im Buch nicht mehr auftauchen "z. B. Wirtschaftswissenschaft".