Donald D. Hoffman beschreibt in seinem Buch die Mechanismen des Sehens. Seine zentrale These ist dabei, dass alles, was wir wahrnehmen, nicht - unbedingt - so ist, weil es eben so ist, sondern weil unser Gehirn es so aus den Informationen unserer Sinnesorgane konstruiert.
Um diesen Konstruktionsvorgang zu erläutern, setzt Hoffman bei jenen armen Menschen an, dessen Konstruktionsvermögen gestört ist: Man erfährt etwas über Menschen, die unfähig sind, Objekte zu erkennen, stattdessen sinnlose, farbige Flächen wahrnehmen; Menschen, die eine Hälfte ihrer Welt in Farbe, die andere in Schwarzweiß sehen; und sogar solche, die keine Bewegungen (!) mehr wahrnehmen können.
Hinzu kommen zahlreiche Strichzeichnungen, die dem Leser bestimmte Aspekte des Sehens im wahrsten Sinne des Wortes anschaulich machen: Da sind u.a. das unmögliche „Teufelsdreieck"; nicht existente, subjektiv aber wahrnehmbare Flächen, die, obwohl das Papier eindeutig weiß ist, mitunter farbig erscheinen; oder doppeldeutige Abbildungen (u.a. das weitverbreitete Bild einer Vase, das auch als zwei sich anschauende Gesichter gedeutet werden kann).
Aus diesen Zeichnungen leitet Hoffman sodann insgesamt 35 Regeln ab, die die Arbeitsweise des Gehirns erläutern. Die das Gehirn aber auch einnebeln, denn leider wirkt diese Auflistung - diese Litanei - auf Dauer ermüdend; zumindest bedarf es einiger Konzentration, um bei der Sache zu bleiben.
Überflüssig, allenfalls aber unnötig kompliziert, erscheint mir die etwas spitzfindige Unterscheidung zwischen der sogenannten „phänomenalen" und der „relationalen" Bedeutung des Sehens. Der phänomenale Bereich umfasst alles, was wir zwar wahrnehmen, deswegen aber nicht notwendigerweise auch existiert - bei Halluzinationen ist dies der Fall. Zum relationalen Bereich gehört hingegen alle diejenigen Objekte, mit denen wir interagieren; einen Volleyball in einem „Virtual Reality"-Simulator etwa. Das hätte man auch ohne dieses Begriffsinstrumentarium erläutern können.
Donald D. Hoffman beschreibt und erklärt also. Wer nun glaubt, mit diesem Buch seine „visuelle Intelligenz" verbessern zu können, ist auf dem Holzweg und sollte sich besser woanders umschauen (Viel Glück!). Wer aber nur neugierig auf die neuesten Erkenntnisse in den Kognitionswissenschaften ist, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.