Wer nach einem Buch über Spezialeffekt sucht, um in schönen Bildern zu schwelgen, ist hier falsch. Visual Effects. Filmbilder aus dem Computer" enthält zwar zahlreiche Abbildungen, sie nehmen aber keine ausklappbaren Doppelseiten ein und sind dazu da, im Text gemachte Aussagen zu stützen und zu illustrieren.
Der Text selbst ist in zwei ineinander greifende Teile gegliedert. Im ersten Teil wird die Technologie, die hinter im Computer erzeugten Spezialeffekten steckt, knapp aber präzise und allgemein verständlich erklärt. Das Wissen um die Technologie oder anders ausgedrückt, die künstlerischen Mittel, ist nötig um der Argumentation im zweiten Teil folgen zu können.
Hier geht es um den Abbildungsstatus des digitalen Bildes, die Allgemeinplätze, die sich darum gebildet haben und darum wie dieses ästhetisch in den Film integriert wird. Es geht um die Motive, von digitalen Figuren über Rides bis hin zu magischen Erscheinungen etc., die mit Hilfe visueller Effekte auf die Leinwand gebracht werden und wiederum darum, wie diese narrativ in die Handlung integriert werden. Ganz allgemein ausgedrückt, wird untersucht, wie sich filmische Erzählformen und damit unsere Wahrnehmung des Filmes als Medium und Kunstform verändern.
Nach der Lektüre von 560 Seiten einer so fundierten, differenzierten und umfassenden Untersuchung zahlloser Aspekte der Visual Effects, fühlt sich der Versuch einer Zusammenfassung auf wenigen Zeilen aber schnodderig und falsch an. Eine vergleichbare Publikation in deutscher Sprache ist mir nicht bekannt und ich nehme mein Statement zu Beginn dieser kleinen Kritik wieder zurück: Wer nur auf der Suche nach einem Buch über Spezialeffekte mit beeindruckenden Bildern war, sollte stattdessen dieses Buch lesen. Da es sich vornehmlich an ein geisteswissenschaftliches Fachpublikum richtet, kann es zwar leicht passieren, dass es einen stellenweise überfordert. Man erfährt dafür aber auch mehr über schöne, überwältigende, hässliche, schockierende, lebendige, sichtbare und unsichtbare computergenerierte Bilder im Film, als man gedacht hat, dass es darüber zu wissen gibt. Und wer sogar noch mehr erfahren will, findet im erschöpfenden Literaturverzeichnis ausreichend Gelegenheit dazu.
Nachtrag für Praktiker:
Die Einführung in die Technik im ersten Teil des Buches lässt sich problemlos auch als Nachschlagewerk missbrauchen". Und ist zu diesem Zweck vor allem interessant, weil die Techniken stets mit anderen künstlerischen Verfahren und physikalischen Konzepten in Beziehung gebracht werden. Auch erfährt man, wie sich einzelne Techniken voneinander unterscheiden, wie sie sich ablösen, aufeinander aufbauen oder sich ergänzen - alles Aspekte, die in Tutorials oder How-to" Büchern leider meist ausgeblendet werden.
Trotzdem wird es Leute, die praktisch mit 3d-Computergrafik zu tun haben, vor allem interessieren, wie tief diese Beschreibungen greifen. Sie sind durchaus detailliert aber auf das Essentielle beschränkt. So wird einer eher marginalen aber trotzdem grundlegenden Technik wie dem MIP-Mapping, etwas mehr als eine halbe Seite eingeräumt: Man erfährt was die Abkürzung überhaupt bedeutet: multum in parvo (viel in wenigem); welchen Problemen damit aus dem Weg gegangen wird: Artefakte, Unschärfe, sich verschiebende Linien; wie die Technik grundsätzlich funktioniert: Hierarchisch geordnetes Ablegen von Texturen in verschiedenen Auflösungen und ad hoc Aufrufen der benötigten Auflösung in Abhängigkeit zur Distanz der Kamera beim Rendern. Selbst die Erweiterung dieser Technik durch elliptisches Filtern z.B. in Mental Ray wird erklärt. Weitere Details, zum Beispiel etwa, dass Mental Ray die Texturen beim MIP-Mapping in .map-Files mit pyramidaler Struktur speichert usw., werden (wahrscheinlich sehr bewusst) weggelassen. Das elliptische Filtern ist eine der wenigen Stellen, wo überhaupt auf individuelle Software eingegangen wird. Vergleichbar mit einem Philosophen, der sich eher an Konzepten als an Begriffen orientiert, stützt sich Barbara Flückiger hauptsächlich auf Original-Papers aus der Grundlagenforschung und schafft damit eine solide Grundlage für ein weiteres Eintauchen in ein Gebiet, das nicht nur von komplexen Sachverhalten, sondern auch von einem nicht zu unterschätzenden Begriffswirrwarr geprägt ist.