Neue Zürcher Zeitung
Das historische Buch Lourdes und das Wundersame Patrick Dondelingers behutsame Untersuchung Mit etwa sechs Millionen Pilgern im Jahr ist Lourdes in den Pyrenäen nach Guadalupe (Mexiko) der grösste Pilgerort der Welt. Dort hatte Bernadette Soubirous, ein vierzehnjähriges, analphabetisches Armenkind, von Februar bis Juli 1858 achtzehn Auditionen und Visionen, die als Erscheinungen der Muttergottes gedeutet wurden. An der Quelle, die die Seherin am Erscheinungsort, der Grotte von Massabielle, zunächst mit ihren Händen ausgrub, suchten und fanden zahlreiche Menschen auf aufsehenerregende Weise Heilung, obwohl die chemischen Untersuchungen des wundertätigen Wassers keinerlei heilkräftige Eigenschaften erkennen lassen. Ablehnung und Wundergläubigkeit Für die Frommen war der Fall klar: Die medizinisch nicht erklärbaren Heilungen (Spontanremissionen) gehen auf das unmittelbare Einwirken der Muttergottes zurück. Sie sei der Müllerstochter leibhaftig erschienen. Auf der Seite der Gegner tat man die Vorkommnisse als Produkt hysterischer Suggestibilität ab und bezeichnete sie als wahnhafte Wunschvorstellungen. Zwischen beiden Positionen schien keine Annäherung möglich. Verschiedene Faktoren erschwerten eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit dem Phänomen Lourdes. Zunächst einmal galt es bis vor wenigen Jahren speziell im deutschen Sprachraum unter Historikern für unfein, sich mit diesen Aspekten der Volksfrömmigkeit zu befassen. Und wenn, dann tat man es höchstens mit sozialgeschichtlicher Herablassung. 1958 beauftragte die kirchliche Seite den französischen Theologen René Laurentin mit einer kritischen Dokumentation über Lourdes. Laurentin trug wohl eine grosse Masse von Dokumenten zusammen, doch hielten sich bei ihm wissenschaftliche Akribie und sentimentale Wundergläubigkeit die Waage. Andere, wie der spanische Jesuit Carlos Maria Staehlin, der sich grundsätzlich zu Visionen äusserte, machten schlechte Erfahrungen mit der kirchlichen Zensur oder unterwarfen ihre Forschungen der Selbstzensur. Für die neuere französische Geschichtsschreibung liess sich das Phänomen der Marienerscheinungen des 19. und 20. Jahrhunderts über hundert lassen sich nachweisen nicht länger ausklammern und umgehen. Eine jahrtausendealte Menschheitserfahrung kann nicht deshalb an den Rand geschoben werden, weil sie nicht ins positivistische Wissenschafts- und Weltbild passt. Eine andere methodische Annäherung musste gesucht werden. In der Linie neuerer französischer Religions- und Gesellschaftsforschung (A. Dupront) plädierte Michel Meslin für eine anthropologische Annäherung an das religiöse Phänomen: Das Heilige könne nur inmitten der Existenz des Menschen erfahren werden, das es definiert und eingrenzt. Ein Verständnis des «fait religieux» von innen her sei vonnöten. Meslin bezog auch die psychologische Dimension des Göttlichen in seine Annäherung ein; das Verlangen nach dem göttlichen Vater und das Gedächtnis als «Ort» der Erinnerung an Gott. Als Anhänger dieser französischen human- und kulturwissenschaftlichen Forschung bedient Patrick Dondelinger sich der hermeneutischen Prinzipien dieser Richtung. Er konzentriert sich dabei auf die Gestalt der Seherin Bernadette Soubirous und ihr Umfeld, das in einer Schwemme hagiographischer Literatur seine historischen Konturen nahezu verloren hat. Da die protokollierten Befragungen der jungen Frau erst 1861 begannen, drei Jahre nach den Vorkommnissen, galt es zunächst, den Kern des ursprünglichen Geschehens an der Grotte um Massabielle freizulegen. Daraus ergibt sich folgendes Bild: Bernadette Soubirous' Erfahrungen passen in einen grösseren Rahmen, sind aber auch sinnvoll ihrer subjektiven Befindlichkeit zuzuordnen. Das Übermitteln von himmlischen Offenbarungen gehörte damals zu den gängigen Vorstellungen der Pyrenäenbevölkerung. Garaison und Bétharram galten als privilegierte Orte solcher Erscheinungen. Das seherische Kindermodell der unverdorbenen Hirtenkinder wurde zum Topos. Wunsch nach Anerkennung Den Übergang von «wilden Spontanphänomenen» zum domestizierten Kult ermöglichte die Dogmenkonjunktur: 1854 erklärte Pius IX. die Lehre von der unbefleckten Empfängnis Mariens zum kirchlichen Dogma. In der «Immaculée Conception» war nun ein klangvoller Name für das Erfahrene gefunden, das die Seherin in ihren ersten Aussagen zwar beharrlich, aber sehr vage als «das da» (aquerò) bezeichnet hatte. Nach ihrem Eintritt in das Kloster der «Surs de la Charité» in Nevers für die mittellose junge Frau eine soziale Promotion hat sie den Ort ihrer Erfahrungen nicht mehr wiedergesehen. Dondelinger erklärt die von allen Extravaganzen freien Visionen der Bernadette als Weg zur Selbstfindung in einer Extremsituation des Scheiterns: sozialer Abstieg der Familie, Kränklichkeit, Analphabetentum, kollektive Ängste. Eine «folie à deux» Aufschaukelung durch einen Beichtvater etwa ist von den Quellen her auszuschliessen. Indem ihre Vision sie selber und ihr leidgeprüftes Milieu erhöhte, ging Bernadettes Wunsch nach Anerkennung in Erfüllung. Die pathologische Einengung des Begriffs «Halluzination» ein belastetes Erbstück des 19. Jahrhunderts lehnt Dondelinger ab und spricht von nicht-pathologischen Halluzinationen. Zusammenfassend: «Bernadettes Erscheinungen fanden zur richtigen Zeit am richtigen Ort und mit den richtigen Personen statt, sonst hätten sie niemals eine solche individuell und kollektiv integrierende Funktion ausüben können.» Der Pilgertourismus, der aufgrund der Heilungen alsbald in Lourdes einsetzte, entsprach in seiner Art dem Bädertourismus der Jahrhundertmitte. Gerade in den Pyrenäen hatte er im zweiten Kaiserreich eine besondere Konjunktur. Hier war es jedoch nicht die mondäne Gesellschaft, die an den zum Teil uralten kultischen Quellen Heilung suchte, sondern das einfache Kirchenvolk. Die Quelle stellte die einzige Hoffnung dar, wenn jede ärztliche Kunst versagt hatte. Auch im 20. Jahrhundert hat Lourdes bei besserer Hygiene und verbesserter medizinischer Versorgung seine Anziehungskraft bewahrt. Die Behutsamkeit, mit der Dondelinger vorgeht, dürfte diejenigen enttäuschen, die eine Bestätigung der Erscheinungen der leibhaftigen Muttergottes erwarten. Sie lässt aber auch diejenigen im Regen stehen, die eine klare Desavouierung des «Aberglaubens» erwarten. Die Untersuchung hält sich von theologischen Deutungen frei. Sie schliesst diese aber auch nicht grundsätzlich aus. Indem sie Bernadette Soubirous auf einen rationalen anthropologischen Sockel stellt, trägt sie zur Aufhellung von Phänomenen bei, die Historiker und Theologen bisher grosszügig umgingen oder einseitig deuteten. In einer Zeit, in der die hartnäckigsten Verteidiger des «Wunderbaren» der französische Ausdruck «merveilleux» ist näher an der Sache sich ausserhalb der christlichen Kirchen befinden, ist eine seriöse Aufklärung zu begrüssen. Dondelinger ist sich bewusst, dass diese Probleme auf grundsätzlicher Ebene und interdisziplinär anzugehen sind. Das zeigen die Akten eines Symposiums, bei dem er Philosophen und Psychologen mit Theologen und Anthropologen an denselben Tisch brachte. Victor Conzemius
Kurzbeschreibung
Patrick Dondelinger schließt mit seinem Buch eine bemerkenswerte Lücke: Die zahlreichen Schriften und Studien über die "Erscheinungen von Lourdes" liefern bisher kein überzeugendes anthropologisches Verständnis für die Vorgänge aus dem Jahr 1858. Deshalb untersucht der Autor die Berichte über die Visionen der Bernadette Soubirous unter humanwissenschaftlicher (psychologischer, anthropologischer, soziologischer usw.) Fragestellung. Dondelinger begibt sich dabei auf eine spannende Entdeckungsreise in die innere Erlebniswelt eines analphabetischen Armenkindes aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, um etwas von ihren Erlebnissen in unsere Verständniswelt hinüberzubringen.
Ungeklärt war bisher auch die Frage, welcher Zusammenhang zwischen der Seherin und den Wunderheilungen besteht, von denen bis heute immer wieder berichtet wird. Eine Antwort darauf ergibt sich, wenn die Visionen als unbewusst durchgeführter Heilungsritus interpretiert werden, zu dessen therapeutischer Wirksamkeit die kollek tive Deutung von Bernadettes Erlebnissen als Muttergotteserscheinungen erheblich beigetragen hat und dessen Angelpunkt das Freilegen der Quelle in Lourdes zu sein scheint.
Ungeklärt war bisher auch die Frage, welcher Zusammenhang zwischen der Seherin und den Wunderheilungen besteht, von denen bis heute immer wieder berichtet wird. Eine Antwort darauf ergibt sich, wenn die Visionen als unbewusst durchgeführter Heilungsritus interpretiert werden, zu dessen therapeutischer Wirksamkeit die kollek tive Deutung von Bernadettes Erlebnissen als Muttergotteserscheinungen erheblich beigetragen hat und dessen Angelpunkt das Freilegen der Quelle in Lourdes zu sein scheint.
Über den Autor
Patrick Dondelinger, geboren 1966, Abschluss der Studien in Luxemburg und Paris mit je einem Doktorat in Theologie und Religionswissenschaft sowie einem Diplom in Politikwissenschaft ab. Seit 2001 Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Luzern.