Ach, ich gebe zu, dass ich mich mit der historischen Person der Hildegard von Bingen recht schwer tue, seitdem meine verehrte Frau Mutter meinen armen Herrn Vater mit allerlei auf Frau v. Bingen zurückgehende Gebräuexperimenten, gemeinhin auch Tee genannt, das Leben schwer macht und eines gar schrecklichen Tages sogar die Frechheit besaß, mich damit zu behelligen. (Nun gut, auch ein Weg, seine Kinder in die Welt hinauszutreiben. ;-) Margarete von Trotta, so vermute ich, scherte sich ebenso wenig um das Teegebräu wie ich, denn ihre oft zitierten Worte "Ich möchte das Leben einer starken Frau zeigen." (im heutigen Sinne) charakterisieren den vorliegenden Film erstaunlich aufrichtig, ehrlich und detailiert.
Wenn sich ein Film dem Leben einer faszinierenden historischen Person nähert, ist (für mich) die wichtigste Frage: Wie wurde aus einem jungen unbedarften Mädel oder Bub die Figur, die noch heute ob ihrer Weitsicht, Verdienste und Inspiration so bekannt und geachtet ist? Ergo: Ich will eine glaubwürdige Charakterinterpretation sehen.
Schade, dass Frau von Trotta mir wohl nicht zustimmen würde. Vielmehr beschränkt sie sich anfangs auf ein junges Mädchen, dass in ein sowohl von Mönchen als auch Nonnen beherbergtes Ärger-Vorprogrammiert-Kloster verbracht wird - und gefühlte zehn Sekunden später als erwachsene reife Frau zur Äbtissin geweiht wird. Jaja, so schnell kann das gehen: eine starke Frau wird schließlich schon stark geboren.
Inhaltlich legt sich der Film im Wesentlichen auf Kräuter, nochmal Kräuter, natürlich Kräuter, ein bißchen Vision und anti-historische(Pseudo-)Emanzipation fest. Hildegard flaniert durch ihren Kräutergarten und unterhält sich mit dem ihr zugetanen Bruder Irgendwas (hochsympathisch: Heino Ferch), leitet gemütlich ihre Klosterhälfte und hat von Zeit zu Zeit eine Vision, die ihr die Zweifel der Kirchenobrigkeit einbringen. Nicht das in diesem versofteten Gute-Laune-Filmchen allzu viel passieren würde, denn mehr außer einen echauffierten Abt und einige verdrießliche, der meinen i.Ü. verflixt ähnlichen, Mienen der Kirchenobrigkeit bekommt man nicht zusehen. Kurioserweise finden Hildes Visionen flitzeflink höchste Anerkennung - warum auch immer - so wird es zumindest pauschal u ohne weitere Erklärung mitgeteilt. Muss wohl der Hl. Geist seine Finger im Spiel gehabt haben. Ansonsten streitet sich die wilde Hilde mit dem hartherzigen Abt, sorgt sich um eine sie verehrende Jungnonne, hat eine nonnenhaft unstatthafte Schwangerschaft (nein, keine eigene) an der Backe und streitet mit mildem Blicke für ihre Freiheit. Ah ja, Freiheit, diesen gar wichtigsten Fixpunkt zerschießt die Regisseuse sogar im Alleingang - ein Schelm, wer dabei auf den Filmtitel schielt. ;o) Kurioserweise ist der Film im wortwörtlicher Sinne höchst unfrei, findet die Handlung doch weitestgehend hinter Klostermauern statt und geben der Handlung treffendst ein ebenso sinngemäß wie plastisch beengtes Dasein. Hildegards geistige Verdienste um Religion, Mystik, Ethik, etc., ihr Austausch mit Gelehrten aus aller Welt, ihr intellektuell vielschichtiger Geist werden nur in Randkommentaren und demonstrativen Ist-so-Bildern (Besuch beim Kaiser) aufgeworfen. Echte Größe findet nur der, der sie sehen will. Zurück bleibt ein nettes Mädel, das nur das Beste will und sich gegen die ignorante Männerwelt mit Gottes Hilfe auch ohne jede Dramatik oder Spannung durchzusetzen weiß.
Dass sich der Film ob der Eindimensionalität seiner Figuren & Geschichte nicht ganz und gar zu Tode verehrt, liegt letztlich darin begründet, dass er die (aktuell damit verbundenen) Vorzüge des Klosterlebens - Harmonie, Ruhe und innere Einkehr - mit besinnlichen Tönen, sorgsam arrangierten Nahaufnahmen und harmonischer Atmosphäre exzellent einzufangen weiß. Barbara Sukowa ist ein Traum an Äbtissin: asketisches Angesicht, weise Mutter, sorgenvolle Heiligkeit und selbstlose Liebe. Insgesamt eine Kombination, die mich - abgesehen von einem grummelnden und vermutlich auf Teerenitenz zurückzuführenden Dauernagen in der Magengegend - angenehm zurücklehnen und entspannen ließ.
Nujoh...
Sucht man die Annäherung an die historische Person oder echte Auseinadersetzung oder auch nur ein ambitioniert innovatives und fesselndes Filmwerk, so wird sich der verehrte Leser entweder bestenfalls unfreiwillig amüsieren oder sich schlimmstenfalls ob einer so lachhaft aufgehübschten und in sich limitierten "ICH BIN STARK weil ICH BIN FRAU!"-Vorstellung hinter den nächsten Zug werfen.
Wird dagegen Wert auf schöne Bilde, entspannende Töne, sympathische Darsteller und eine angenehm unterfordernde Handlung gelegt, so kann getrost zugegriffen werden.
Fazit:
Auf Kosten einer "starken" Frau wurde ein schwacher Film kreiert. Eigentlich schade.
Wenn ich mir rückblickend die Fixierung auf die Kräuter so anschaue, wage ich mir dann doch, die Frage zu stellen, ob da nicht ein vielleicht sogar ein ursächlicher Zusammenhang zur "Vision" bestehen könnte? Mmh... ;-)
Nachtrag: Und NEIN, ich mache ich mich nicht über die historische Person der Hildegard von Bingen lustig - die würde da eh drüber stehen - sondern über dieses wenn auch sympathische Schmalspurgewächs an Filmfigur, bei der doch tatsächlich Anspruch auf Anspruch erhoben wird. Tztztz. ;o)