Eigentlich braucht Rotfront, das Emigrantski Ragamuffin Kollektiv, für das zweite Album "VisaFree" gar keine große Besprechung mehr, denn es ist in wenigen Tagen in den Sparten-Charts kometenhaft in die vordersten Ränge aufgestiegen. Aber das kann einem wirklichen Liebhaber von Weltmusik und Reggae nicht genügen, angesichts der Unmenge an immergleichen Fabrikaten aus den Schnulzenküchen, den Hitfabriken und House-Meterwarenlieferanten, die immer noch auf unsere Ohren losgelassen werden. Ich warte ungeduldig auf den Tag, an dem alle die Sender, die behaupten, das Beste aus Pop und Rock" in den Äther zu schicken, es als völlig normal ansehen, in ihrer Tagesration von zehn verschiedenen Songs fünf von Rotfront dabei haben, und das wenigstens einen Monat lang. So viel zum allgemeinen. Wir haben in diesem Album - schade, dass ich kein Ungarisch verstehe - wirklich Texte mit gutem Wortwitz, und das mit klaren Aussagen: Das Kollektiv nimmt kein Blatt vor den Mund. Der Titel Gay, Gipsy and Jew" hat das Zeug zur Internationalen" aller verfolgten Minderheiten, und macht auch noch Spaß beim Anhören - pardon, Antanzen" trifft es besser. Musikalisch setzen sie konsequent fort, was auf dem ersten Album Emigrantski Ragamuffin" angefeiert wurde. Wer sich VisaFree" laut auflegt und dann still sitzen bleiben kann, ist entweder Gefühlstaub, oder beide Ohren verweigern den Dienst. Für den Stil werden gerne viele Worte benutzt. Das ist gut so, denn es zeigt, dass Rotfront" in keiner bestehenden Schublade Platz hat - es sei denn die eigene. Grundstock ist unüberhörbar wieder Reggae und Ska, aber auch etwas Dub, sehr rockig gespielt. Das ganze wird scharf gewürzt mit all den Leckereien, die wir an Osteuropäischer Musik so lieben gelernt haben, Kleszmer, Gypsy, Balkan, die Grenzen sind bewusst unklar. Klar ist aber, dieses Album ist nach dem ersten Antanzen auch mein ganz persönlicher Favorit geworden.