20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Do you see the light?, 4. September 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Virtuelles Licht. (Broschiert)
Der Roman "Virtuelles Licht", um den es hier geht, ist zeitlich in die 70er des 21. Jahrhunderts einzuordnen, und Gibson hat ihn offensichtlich vor die Ereignisse seines jüngsten Werkes "Idoru" plaziert. So wundert es die Leser die Idoru schon kennen nicht, daß Gibson immer wieder das "Little Grande" genannte Erdbeben, das die Gegend von Frisco bis L.A. in weiten Teilen in Schutt und Asche legte sowie die Zerstörung und den anschließenden Neuaufbau Tokios mit Hilfe der brandneuen Nanotechnologie ins Spiel bringt - typisch für seinen unnachahmlichen Schreibstil, mit dem er es immer wieder schafft den Leser von der eigentlichen Fährte wegzulocken und seine Stories mit interessanten Hintergrundinformationen aufzumotzen.
Wer Idoru noch nicht kennt, ist aber keinesfalls im Nachteil, eher im Gegenteil, da sich so in jenem Roman viele Zusammenhänge viel schneller erschließen, wenn man "Virtuelles Licht" schon kennt. Insofern ärgere ich mich, daß ich erst Jahre später per Zufall auf ihn gestoßen bin.
Übrigens kommt Gibsons Neigung zu sehr stark verkürzten Formen der Kommunikation seiner Charaktere (auf gut deutsch, vollständige Sätze geben diese selten von sich) untereinander hier recht heftig zum Tragen, an Dialoge wie "Kaffee?" - "Jupp" - "Willst ne Marlboro?" - "danke, Nichraucher" sollte man sich als Leser schnell gewöhnen, sonst bekommt man recht früh die Krise und legt das Buch weg. Ebenso skizzenhaft wie viele Dialoge werden hier auch wieder einmal die Charaktere gezeichnet, ebenfalls typischer Gibson-Stil - ein Regisseur, der dieses Stilmittel filmisch umsetzen würde, würde wohl zu Rückblenden in die Vergangenheit der Darsteller in Form von sehr kontrastreichen, schwarzweißen Szenen in schneller Schnittfolge greifen, wie man es aus einigen Actionstreifen her kennt.
Doch genug zum Stil, kommen wir zum Inhalt. Hauptfigur von "Virtual Light" (so der Originalname) ist ein gewisser Berry Rydell, wohnhaft in Los Angeles, der durch unglückliche Umstände von einer Zwangslage in die nächste schlittert. Der Leser erfährt im Laufe des Romans, daß Rydell in einem kleinen Kaff aufgewachsen ist, wegen einer Fernsehreportage-Serie namens "Cops in Schwierigkeiten" zur Polizei ging, dort schon nach wenigen Wochen rausflog und sich fortan bei einer privaten Sicherheitsfirma namens IntenSecure verdingte. Natürlich geht auch hier wieder etwas schief, und so sitzt Rydell nun ohne Job da und muß sich auf die Suche nach etwas neuem machen.
In der Zwischenzeit wird uns ein junges Mädchen namens Chevette Washington vorgestellt, die als Fahrradkurier in San Francisco arbeitet und auf der zum Anarchistenviertel aufgemöbelten Brücke bei einem alten Mann namens Skinner wohnt. Bei einer ihrer Kurierfahrten schlittert sie durch Zufall auf eine Party, wird dort von einem unangenehmen Kerl angebaggert und revanchiert sich bei diesem dadurch, daß sie ihm unauffällig ein Sonnenbrillenetui samt Inhalt klaut.
Bis zu diesem Punkt erschließt es sich dem Leser nicht, in welchem Zusammenhang diese Personen und ihre Taten stehen, doch der ergibt sich sehr schnell, als Rydell urplötzlich von seinem Exboss bei IntenSecure das Angebot erhält, für zwei Privatschnüffler in Frisco als Fahrer zu jobben, die den Diebstahl einer wertvollen Datenbrille samt anschließendem bestialischen Mord am ehemaligen Besitzer dieser Brille untersuchen. Rydell nimmt das Angebot an, fliegt nach Frisco rüber, lernt die beiden Ermittler namens Warbaby und Freddie sowie zwei von Anfang an recht dubiose Polizisten der SEPD Mordkommission russischer Herkunft kennen und stolpert schon kurze Zeit später über Chevette, und der Drek fängt an zu dampfen.
Rydell, anfangs von seinem eigenen Handeln völlig überrumpelt, entwickelt in einem Anfall von Genialität und Unverfrorenheit einen halsbrecherischen Plan, die Situation sowie Chevettes und seinen Hals zu retten.
Zwischendurch erfahren wir weitere Schnippets aus dem Leben der beiden Hauptdarsteller, werden über die Hintergründe des medizinischen Siegs über AIDS anfangs des 21ten Jahrhunderts aufgeklärt (Shapely, um nur ein Stichwort zu nennen und die Neugier zu wecken) und machen die Bekanntschaft mit jemandem namens Loveless.
Gibsontypisch wird hierbei ununterbrochen zwischen den Erzählperspektiven der Hauptfiguren umgeschaltet, was auf eine spezielle, ureigene Art und Weise die Spannung aufrecht erhält und durch nicht nur einen Cliffhanger manchmal bis an den Rand des Erträglichen steigert ,-).
Unterm Strich ist Gibson damit ein durch und durch spannender und interessanter Wurf gelungen, der insbesondere mit Idoru ein nettes Gespann abgibt, zumal wir Rydell dort in einer Nebenrolle wiedertreffen und weitere Hintergründe über die Dinge erfahren, die in Virtual Light nur sehr am Rande angerissen werden (Nanotech, DatAmerica/IntenSecure). Eines störte mich bei der Lektüre aber zugegebenermaßen ganz gewaltig, und zwar die Tatsache, daß sich der anfangs als so offensichtlicher Dauerlooser dargestellte und nicht gerade mit Intelligenz Beschenkte Rydell zu einem nahezu genialen Befreiungsschlag hinreißen läßt, der wesentlich mehr Grips erfordert, als man bei der Schilderung dieser Figur vermuten würde. Hier ist Gibson meiner Meinung nach etwas verunglückt, denn Chevette halte ich von der Schilderung her für wesentlich intelligenter, und wegen dieser Rollenaufteilung verliert der Roman etwas von seiner strengen Logik und seinem Biß.
Von diesem Ausreißer abgesehen kann man "Virtuelles Licht" aber rundum als spannende Lektüre für Fans der Real-SF und des Cyberpunk empfehlen. Für Nicht-Science Fiction Fans muß jedoch wieder einmal angemerkt werden, daß dieses Werk sich nicht gerade als Einstieg in dieses Genre eignet, zumal Gibsons Schreibstil wirklich nicht als der Leichtverständlichste gewertet werden kann. Ach ja, woher der Titel des Romans und damit der Titel dieses Berichts rührt, möchte ich nicht verraten, da es große Teile der Spannung zerstören würde.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Gibson in Hoechstform - ein Buch, das Laune macht..., 30. Juni 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Virtuelles Licht. (Broschiert)
Auszug: "Chevette klaute nie was, jedenfalls nicht bei anderen Leuten, und schon gar nicht bei der Arbeit. Ausser an jenem beschissenen Montag, als sie diesem Oberarschloch die Sonnenbrille wegnahm, aber das kam daher, dass sie den Kerl einfach nicht ausstehen konnte..."
Zum Inhalt: Chevette ist Fahrradkurier in einem San Francisco der nahen Zukunft. Rydell gehoert zu einem privaten Sicherheitsdienst irgendwo in Los Angeles. Als Chevette mehr oder weniger unbeabsichtigt einen anderen Kurier beklaut, dieser auf einmal tot ist und Rydell auf die vermeintliche Moerderin angesetzt wird, stolpern die beiden Hals ueber Kopf in eine Verschwoerungsgeschichte, die sie den Kopf kosten koennte...
Zum Buch: In den 80'ern hat William Gibson mit seinen Kurzgeschichten und seiner Neuromancer-Triologie ein Stueck SF-Geschichte geschrieben. Selten war eine Welt so dreckig und hoffnungslos, selten die Protagonisten so kaputt und uneins mit sich selbst. Mit diesem Buch hat Gibson dagegen die Welt von Neuromancer und die Generation-X-Attituede seiner vorherigen Werke verlassen und einen Neuanfang gewagt, der nur so sprueht vor Lebensfreude und Optimismus. Seine Charaktere sind liebevoll gezeichnet und wundervoll verschroben, selbst die Nebenfiguren sind interessant gemacht. Die Handlung verlaeuft Gibson-typisch in drei Handlungsstraengen, die nach und nach verwoben werden. Dabei ist Gibson wieder erstaunlich dicht, schafft es mit wenigen Worten, viel kalifornische Atmosphaere zwischen den Zeilen wehen zu lassen. Ein Buch voller schoener Ideen, das regelrecht gute Laune macht. Fuer den hammerharten Cyberpunk-Fan wahrscheinlich eine Enttaeuschung, fuer alle anderen unbedingt lesenswert. <font size="-1" face="geneva, arial, helvetica">(Dies ist eine <b>Amazon.de an der Uni</b>-Studentenrezension.)</font>
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Spannende Unterhaltung, nicht nur fuer Gibson Fans..., 13. September 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Virtuelles Licht. (Broschiert)
William Gibson hat es wieder einmal geschafft, mich einige Tage zu faszinieren, länger liest man an diesem Buch nicht. Es ist einfach zu gut. Wer Gibson kennt, wird sofort den typischen Aufbau mit mehreren Handlungssträngen erkennen, der schon die zum Kultbuch erhobene Neuromancer-Trilogie durchzieht. "Virtuelles Licht" beschreibt eine Welt, wie sie in naher Zukunft aussehen könnte, ganz anders als die meisten anderen von Gibsons Büchern. Die Geschichte spielt in "SoCal" und "NoCal", den beiden Teilstaaten, die aus dem ehemaligen Kalifornien hervorgegangen sind. Durch den Diebstahl einer vermeintlich gewöhnlichen Sonnenbrille gerät Chevette Washington, ein Fahrradkurier aus San Francisco, in grösste Schwierigkeiten, die sie mehrere male fast das Leben kosten. Mit Hilfe des Sicherheitsangestellten Berry Rydell, im Grunde ein Versager, schafft sie es in einer gewagten Aktion, diese Schwierigkeiten zu bewältigen ...
Die Beschreibung der Städte und Landschaften, sowie des kulturellen Lebens, wie Gibson es sich in der Zukunft vorstellt, sind wie gewohnt brilliant und mit grösstem Einfallsreichtum geschrieben (Paradebeispiel die Brücke in San Francisco...). Ich hatte den Eindruck, William Gibson schlägt mit seiner Welt um 2005 eine Brücke zwischen der Gegenwart und der Welt aus der Neuromancer- Trilogie, die man, falls noch nicht geschehen, unbedingt ebenfalls lesen sollte. 4 Sterne deswegen, weil Neuromancer noch eine Spur besser ist :-) (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein