Neue Zürcher Zeitung
Bildschirmkrieg
rox. Nach seiner Tätigkeit am King's College in Cambridge hat sich der in London lebende Historiker Michael Ignatieff der Gegenwart und ihren Konflikten zugewandt. Seine politischen Reportagen finden sich in der führenden englischsprachigen Presse; Ignatieff ist mittlerweile auch als politischer Kommentator am Fernsehen präsent. Eine andere Seite der vom Bildschirm geschaffenen Realität hat ihn in einer seiner jüngsten Publikationen beschäftigt. Das Anfang letzten Jahres in Englisch erschienene Buch über den «Virtuellen Krieg» geht von den Kriegsereignissen in Kosovo aus und versucht, deren mediale Folgen zu thematisieren, soweit sie damals bekannt waren. Der Krieg auch wenn er für die meisten ein virtuelles, via Bilder und Berichterstattungen stattfindendes Ereignis ist sei «per definitionem ein Spiel mit ungewissem Ausgang». Gerade weil der moderne Krieg nicht mehr die nämliche physische Beteiligung oder moralische Aufmerksamkeit fordere wie in den vergangenen zweihundert Jahren, produziere er Paradoxa und traurige Ironien. Denn auch der virtuelle Krieg ist vermeintlich virtuell: Am Bildschirm mag er zwar ein Schauspiel mit immer weniger Kombattanten und immer mehr Zuschauern sein. Für die tatsächlichen Opfer hingegen haben bewaffnete Konflikte dramatische Folgen, die am Bildschirm freilich nur zu einem zusätzlichen Kitzel würden.
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Der britische Historiker und Publizist Michael Ignatieff hat viele aufgesucht, die in Verbindung zum Kosovo-Krieg stehen: den amerikanischen Unterhändler Richard Holbrooke, den Nato-Oberbefehlshaber Wesley K. Clarke, die Den Haager Chefanklägerin Louise Arbour, alte serbische Freunde, Kosovaren, albanische Flüchtlinge. Aus diesen unmittelbaren Begegnungen sind plastische Bilder, Apercus, Tableaus und Porträts entstanden, die den Krieg selbst aber nicht erklären, moniert Rudolf Walther. Erst im letzten Teil des Bandes komme der Autor zum eigentlichen Thema, dem "Virtuellen Krieg". Auch wenn das Wort "virtuell" hier unangenehm überstrapaziert werde, habe Ignatieff doch eine scharfsinnige Analyse verfasst, in der er die Besonderheit des Kosovokrieges als "humanitären Krieg" und die außergewöhnliche Manipulation der Journalisten hervorhebt. Der scheint aber auch der Autor selbst aufgesessen sein, denn zumindest sprachlich identifiziert er sich mit militärischen und politischen Entscheidungsträgern, wenn er von "wir" und "unsere" bei deren Einschätzung und Beschlüssen spricht, ärgert sich ein darüber etwas irritierter Rezensent.
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