Nachdem Hupogrammos und Sol Faur Negura Bunget verlassen haben und Gründungsmitglied Negru die Band mit neuen, live bereits bewährten Leuten "alleine" fortführt, war durchaus offen, wie Negura Bunget zukünftig klingen werden und ob sie das mit "Om" erreichte hohe Ausnahmeniveau würden halten können.
Fans der Band können zunächst Mal aufatmen. Schon die ersten Minuten des Openers "Pãmînt" (Erde) machen zum Einstieg deutlich, dass der beschrittene Weg fortgesetzt wird. Unter anderem sorgen Flötentöne, die von "Om" bekannten Kuhglocken, Stöckeschlagen und flächige Keyboardsounds gleich für die von den Rumänen bekannte, typisch folkoristische, ja schamanistisch angehauchte Atmosphäre. Nach dreieinhalb Minuten startet beschwörender Gesang, der eher rezitiert, als einer Melodie folgt, nach fünf Minuten dann die ersten Schreie und eine weitere halbe Minute darauf die erste leichte Black Metal Eruption. Insgesamt ein netter Einstieg, allerdings wirkt "Pãmînt" eher wie ein langes Intro und weniger wie ein "richtiger" Song.
Das mit annähernd neun Minuten längste Stück "Dacia Hiperboreanã" folgt einem ähnlichen Aufbau. Drei Minuten lang wird zunächst gekonnt Atmosphäre erzeugt, bevor es metallischer wird. Einige schöne, verträumte Gitarrenleads sorgen für eine gesteigerte Eindringlichkeit, aber insgesamt hätte der Song noch etwas mehr Dynamik vertragen können. Geprägt wird er vor allem durch die omnipräsente, düstere Keyboarduntermalung, mit der der Song auch ausklingt und gleich weiterleitet in das folgende Instrumental "Umbra" (Schatten). Auch hier kommen wieder diverse folkloristische Instrumente zum Einsatz.
Fließend weiter geht es mit "Ochiul Inimii". Auch dies ein Track, der auf "Om" nicht deplatziert gewirkt hätte. Was ihm etwas fehlt, ist Wiedererkennungswert. Alle bei Negura Bunget geschätzten Zutaten werden progressiv und dynamisch vermischt, aber die großen Momente, die einen Song zu etwas besonderem im eigenen Schaffen machen, fehlen. So langsam dämmert es dem Hörer, dass es hier nicht um die Klasse einzelner Songs geht, sondern um ein Gesamtkunstwerk.
"Chei de Rouã" ist dann der erste Track, der durchgehend metallisch gehalten ist. Heroischer Klargesang und Gekreisch wechseln sich ab. Dazu gibt es walzende Gitarrenparts, die das erste Mal an Headbangen denken lassen. Bisher der Höhepunkt des Albums, da er aus der bisher aufgebauten Atmosphäre ausbricht und aufhorchen lässt.
Auch das folgende "Cara de Dincolo de Negurã" ist insgesamt etwas heftiger geraten. Natürlich fehlt die atmosphärische Keyboarduntermalung auch hier nicht, aber im Gegensatz zu ersten Hälfte des Albums wird sie mehr unterstützend und weniger prägend eingesetzt. Ein gelungener, gitarrenorientierter Track.
Nach diesen beiden metallischeren Tracks schließt das mystische Instrumentalstück "Jar" (Feuer) dann die ersten zwei Drittel des Albums ab, bevor die beiden Schlusstracks "Arborele Lumii" (Weltenbaum) und "Întoarcerea Amurgului" (Wiederkehrendes Zwielicht) dann den gelungenen Abschluss des Albums bilden. Insbesondere "Arborele Lumii" überzeugt durch eine ausgewogene Mischung aus metallischer Härte, songwriterischer Dynamik und typischer Negura Bunget Atmosphäre. "Întoarcerea Amurgului" hingegen ist eher als etwas zu langes, folkloristisches Outro zu sehen.
FAZIT: Die "neuen" Negura Bunget treten nach "Om" etwas auf der Stelle. Zwar werden alle von diesem Geniestreich bekannten und geschätzten Zutaten zum nach wie vor einzigartigen Negura Bunget-Klangkosmos auch in der Atmosphäre von "Vîrstele Pamîntului" verwoben, was zunächst mal keinen Fan der Band enttäuschen wird. Allerdings klingen sie dadurch auch etwas nach einer Kopie von sich selbst und haben das "Überraschungsmoment" nicht mehr auf ihrer Seite. Die Klasse z. B. eines "Tesarul de Lumini" erreicht keines der neuen Lieder. Verglichen mit dem Gros der 08/15-Black Metal-Veröffentlichungen wären 5 Sterne für diese Veröffentlichung natürlich klar gerechtfertigt, im Vergleich mit ihrem eigenen Backkatalog sind aber leider nur 4 Sterne angebracht. Trotzdem bin ich optimistisch und denke, dass von Negura Bunget noch viel zu erwarten ist, wenn sich die neue Bandkonstellation erst einmal richtig eingespielt hat.
Empfehlung für Fans: Kaufen!
Empfehlung für Leute, die Negura Bunget kennen, aber ihren speziellen Sound nicht mögen: Lasst es, Ihr werdet auch mit "Vîrstele Pamîntului" nicht glücklich :-)
Empfehlung für Leute, die Negura Bunget nicht kennen: Kauft Euch erst einmal "Om", das bisherige Meisterwerk!