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Produktinformation
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Hermoine Lee, Professorin für englische Literatur, hat nun mit ihrer monumentalen Biographie Virginia Woolf einen Kraftakt vollbracht und hinter allen Schleiern unnd Verstecken eine außerordentliche Persönlichkeit entdeckt.
Die Autorin begleitet Virginia Woolf von Kindheit an, durch die Häuser, in denen sie lebte und betrachtet genau die Menschen, die Virginia nahe standen. Früh verstarb Virginias Mutter und typisch für die ausgehende Viktorianische Ära wuchs sie unter patriarchalischer Dominanz zu einer jungen Frau heran. Sie mußte die Autorität des Vaters ertragen, ebenso wie die sexuellen Übergriffe ihres Stiefbruders.
Doch trotz allem entwickelte sie sich zu einer starken, modernen und emanzipierten Frau, ausgestattet mit einer ungeheueren literarischen Energie, die nur durch ihre tragische "Geisteskrankheit" gebremst wurde. Seit dem Tod ihrer Mutter erlitt sie immer wieder Anfälle: Sie war depressiv, manchmal manisch, hörte Stimmen. Die Angst vor diesen Anfällen sollte sie schließlich im Alter von 41 Jahren in den Selbstmord treiben.
Virginia Woolf beeindruckt durch das enorme Wissen der Autorin. Mit wissenschaftlicher Akribie und literarischem Sachverstand verbindet Hermoine Lee das Leben, Freunde und Verwandte der Autorin mit den symbolischen Stellen in Virgina Woolfs Literatur, belegt Gedanken, Thesen und Anekdoten mit unzähligen Briefen und Tagebuch-Auszügen.
Verwandte und Freunde der Autorin werden mit ebenso großer Sorgfalt dargestellt und die Beziehungen etwa zu ihrer Schwester Vanessa, ihrem Mann Leonard oder zu der homosexuellen Vita Sackville-West ausführlich beleuchtet.
Viele Mythen wurden um Virginia Woolf aufgebaut. Doch so eine Persönlichkeit läßt sich nicht in bestimmte Kategorien einordnen. Hermoine Lee hat dies in ihrem Buch hervorragend umgesetzt. Sie läßt ihrer Hauptfigur Platz, versucht nicht, sie in Schubladen zu stecken und räumt mit diversen Klischees auf. Auf diesem Weg gelingt ihr eine exakte, wie auch adäquate und schriftstellerisch glänzende Darstellung dieser facettenreichen Persönlichkeit. --Susanne Sohlau
Schriften von und über Virginia Woolf
Von Alexandra Lavizzari
Die ersten drei Bände von Virginia Woolfs Tagebüchern und Hermione Lees Biographie der grossen englischen Schriftstellerin liegen in deutscher Übersetzung vor: ein Anlass, um Woolfs Faszination für das «Ich» nachzuspüren.
Das Warten auf die ersten Kritiken ihrer Bücher gehörte für Virginia Woolf bekanntlich zu den qualvollsten Momenten ihres Schriftstellerlebens; ein schlechtes Urteil konnte sie auf Wochen lähmen, ein gutes wiederum in anhaltende euphorische Zustände versetzen. Als im Frühjahr 1937 ihr Roman «The Years» zwiespältige Reaktionen in England und Amerika auslöste, fühlte sich die Autorin in besonderem Mass zwischen extremen Gemütsschwankungen hin und her gerissen und vorerst unfähig, ihre Aufmerksamkeit anderem zu widmen als dem bald verletzten, bald geschmeichelten Ich. Nicht ohne Verwunderung stellte sie nach der Lektüre einer besonders vernichtenden Kritik im «Listener» schliesslich über sich selbst fest: «How I interest myself!» Tatsächlich lag in ihrer bangen Erwartung von Kritiken auch eine stark narzisstische Komponente, die sie mit zunehmendem Alter und entsprechend gesteigerter Introspektion zu akzeptieren lernte. An manchen Stellen ihrer Tagebücher ringt sie sich das Bekenntnis ab, dass sie es letztlich liebe, auf dem Umweg über ihr schriftstellerisches Werk Aspekte ihres Ichs in den Zeilen namhafter Literaturzeitschriften und Tageszeitungen gespiegelt zu sehen und zu denken, dass die Leser sich mit ihr beschäftigen.
Was aber, fragt sich Woolf in diesem Zusammenhang immer wieder, ist dieses self, das sie von anderen selves abgrenzt, und inwiefern lässt es sich mit dem Wort erfassen, als Teil der Wirklichkeit begreifen und festhalten?
NEGIERTE IDENTITÄT
Ihre lebenslange Beschäftigung mit dieser Frage hat Woolf vor allem in ihr Prosawerk einfliessen lassen. In «Jacob's Room» (1922) dekonstruiert sie die Identität der Titelfigur, indem sich diese mit den herkömmlichen Mitteln der Kunst nicht definieren lässt, sondern höchstens in dem ahnbar wird, was sich von ihr auf Umfeld und Mitmenschen widerspiegelt. Nicht von ungefähr heisst der Roman «Jacob's Room»; der Akzent ist auf das Zimmer verschoben, das Jacob bewohnt und das ihn gewissermassen definiert, auch wenn er sich wie oft nicht darin aufhält: «One fibre in the wicker arm chair creaks, though no one sits there» ist ein Leitmotiv, das Woolf in wörtlicher Wiederholung wie einen Bogen um Jacobs kurze Lebenszeit spannt. Weitere schriftstellerische Anläufe thematisieren das Scheitern dieser Suche, so etwa «The Waves» (1931), wo Woolf das Ich in sechs Stimmen aufsplittert und vor dem Hintergrund sich brechender Wellen in einer Art sinfonischem Chor sprechen lässt.
Der kühnste Vorstoss in Richtung der Idee, dass das eigene Selbst erst in der Aufhebung der Grenzen zu einem andern Selbst erfahren wird, gelingt der Autorin jedoch in der berühmten, tiefenpsychologisch vielfach analysierten Abendmahlszene von «To the Lighthouse» (1929); abgesehen von offensichtlichen christlichen Anklängen strebt diese Szene aus der Sicht von Mrs. Ramsay einem Moment zeitlos erlebter Erleuchtung zu, welche in der Einsicht gipfelt, dass es auf der Ebene der reinen Empfindung, die wiederum mit jener der Zeitlosigkeit identisch ist, keine Trennung des eigenen Ichs vom andern gibt und der Glaube an eine separate Individualität letztlich illusorisch ist. Mrs. Ramsay erlebt während des Ausschöpfens ihres «buf en daube» einen Augenblick der absoluten Kohärenz und Stabilität zwischen sich und den Tafelnden:
Here, she felt, putting the spoon down, was the still space that lies about the heart of things It could not last she knew, but at the moment her eyes were so clear that they seemed to go round the table unveiling each of these people, and their thoughts and their feelings, without effort like a light stealing under water so that it ripples and the reeds in it and the minnows balancing themselves, and the sudden silent trout are all lit up hanging, trembling . . . And the whole is held together It was as if she had antennae trembling out from her . . .
SICH SELBST AUF DER SPUR
Das Selbst, dieses «verdammte egoistische Selbst», narrt die Erzählerin ihr Leben lang. Neben ihren Werken sind es vor allem die Tagebücher, denen Woolf ihre Präokkupation mit dem Ich anvertraut; in ihnen ist nachzulesen, wie Woolf ihr Leben als sozialer Mensch gelebt und gleichzeitig durch das Festhalten möglichst vieler Fakten ein detailliertes Koordinatensystem für die punktuelle Definierung ihres Raum und Zeit sprengenden Bewusstseins geschaffen hat. Der Übergang vom banalen Alltag zum schwindelerregenden Höhenflug der Phantasie, vom Plauderton zur obsessiven Zergliederung ihrer inneren Befindlichkeit erweist sich dabei oft als so unvermittelt und brüsk, dass sich daraus der Mythos von der labilen und stark depressiven Schriftstellerin sehr plausibel ableiten lässt.
Doch Virginia Woolfs Tagebücher bezeugen, allein schon durch die Spannweite der angeschlagenen Themen und Reflexionen, dass die Verfasserin in erster Linie eine zähe Künstlerin gewesen ist; immer wieder spornt sie sich zum Schreiben an, ermahnt sich, hart und zielgerichtet an sich zu arbeiten, um zum eigenen Stil und zu den Themen zu finden, die sich, losgebunden von den obsolet gewordenen Konventionen der Edwardianischen Zeit, in die Richtung des modernen stream of consciousness bewegen ohne sich von ihm vereinnahmen zu lassen. Woolf ist aber auch und dies mit bewusstem Willen eine unterhaltsame Chronistin ihrer Zeit gewesen, die in der Verschränkung von Geschichte und persönlicher Entwicklung das Kulturbewusstsein einer ganzen Generation veranschaulicht und fixiert hat.
Nach den Romanen und der Kurzprosa liegen nun in der von Klaus Reichert betreuten Fischer-Gesamtausgabe Virginia Woolfs erste Tagebücher erstmals auch in deutscher Übersetzung vor. Die vorliegenden Bände stützen sich auf die zwischen 1977 und 1980 von Anne Olivier Bell betreute Neuausgabe, die ihrerseits den ersten, 1972 von Leonard Woolf zugelassenen Teilabdruck abgelöst hat. Bell hat in zehnjähriger Forschungsarbeit die vierundzwanzig Bände von Woolfs Tagebüchern mit erklärenden Kommentaren und Fussnoten ergänzt, die einen wertvollen Beitrag für das Verständnis dieser nie für die Veröffentlichung gedachten Texte leisten. In der Übersetzung von Claudia Wenner (Band 2) und von Maria Bosse-Sporleder (Bände 1 und 3), deren exemplarisch schöne Übertragung von «The Waves» hier nochmals erwähnt werden darf, lesen sich Woolfs Eintragungen flüssig und frisch wie das Original.
Der erste Band deckt die Zeit der ersten experimentellen Kurzgeschichten und der Niederschrift des ersten, noch stark viktorianischen Mustern nachempfundenen Romans, «The Voyage Out», ab und dokumentiert die Entstehung und Entwicklung der Hogarth Press, eines verlegerischen Unternehmens, das Woolf durch praktische Arbeiten wie Setzen und Drucken zeitweise von der belastenden Selbstgrübelei abgelenkt hat. Begonnen am 1. Januar 1915 und bald wegen einer schweren Gemütsverwirrung für ein paar Wochen unterbrochen, begleitet sie das Tagebuch durch den Ersten Weltkrieg, ist Empfänger ihrer Gedanken über Leonard, mit dem sie seit vier Jahren verheiratet ist, über die Londoner Society, ihre Verwandten und Freunde.
In den folgenden Jahren verlagert sich Woolfs Interesse merklich auf die Methodik der literarischen Arbeit, auf die Kultivierung eines Zustands, in dem visionäres Schreiben im Tumult des gesellschaftlichen Lebens erst möglich wird:
Die Methode, um sich (sc. nach einem unerwünschten Unterbruch) ins Schreiben zurückzuschaukeln, geht folgendermassen. Als erstes sanfte Übungen an der frischen Luft. Als zweites die Lektüre guter Literatur. Man muss aus dem Leben heraustreten man muss sich externalisieren; sich sehr, sehr sammeln, in einem einzigen Punkt, und darf sich nicht auf die verstreuten Teile seines Charakters stützen, man muss ganz im Kopf leben. Sidney kommt & ich bin Virginia; wenn ich schreibe, bin ich nur Empfindung. Manchmal bin ich gerne Virginia, aber nur wenn ich zerstreut, wechselhaft & gesellig bin. Nun, und solange wir hier sind (sc. in Asheham), möchte ich nur Empfindung sein.
Doch es sind auch ihre Reaktionen auf andere Schriftsteller nachzulesen, hier vor allem auf Joyce, dessen «Ulysses» Woolf mit Vorbehalten aufnimmt, und auf Katherine Mansfield, über deren Tod im Januar 1923 sie linde Schadenfreude empfindet, ist doch Mansfield die einzige Zeitgenossin, deren Schreibkunst in Woolf Neid erweckte. Einen wichtigen Teil des zweiten Bandes machen Woolfs Ideen und Skizzen für Essays und Kurzgeschichten aus sowie Notizen über den Fortschritt von «Jacob's Room» und «Mrs. Dalloway», welche die Genese dieser beiden innovativen Prosaarbeiten erhellen.
Im dritten Band (192530) intensiviert sich Woolfs Beschäftigung mit der eigenen Schriftstellerei, und entsprechend erobern die Suche nach dem Ich und die Frage nach dessen Erfahrbarkeit zunehmend das Terrain ihrer Alltagserlebnisse. Die emotionale Verstrickung mit Vita Sackville-West bildet den Hintergrund, vor dem sich die Konzipierung und Niederschrift der grossen Romane «To the Lighthouse» und «The Waves» sowie «Orlando», der als Scherz begonnenen Biographie der Freundin, abzeichnen, doch verschweigt Woolf hier grösstenteils die verwirrenden Gefühle, die sie den Briefen an Vita anvertraut. Hierin mag man vielleicht Scham oder den Willen zur Selbstzensur lesen, doch lässt die allgemeine Ausrichtung des Tagebuches auch den Schluss zu, dass Woolf von der Erforschung ihres kreativen Potentials so stark absorbiert war, dass die «wechselhafte und gesellige» Virginia die Frau nämlich, die nicht gerade schrieb oder gedanklich mit dem Schreiben beschäftigt war sie in jenen Jahren nicht annähernd so sehr interessieren konnte. Jede Begegnung, jede Begebenheit wird für sie zum Anlass, um auf jene Flüchtigkeit der Erfahrung des Andern zurückzukommen, die das Zentrum ihres Schreibens ist:
Gerade ist Eddy gegangen, & hinterlässt das übliche Gefühl: warum ist der Umgang mit Menschen nicht fester umrissen, greifbarer: warum behalte ich nicht eine kleine runde Substanz, erbsengross etwa, in der Hand; etwas, das ich in ein Kästchen legen & angucken kann? Es bleibt so wenig seine Gegenwart war wohl nur ein Licht auf der Oberfläche meines Geistes während das Wasser selbst weiterströmte, auf seine alte wilde Art Gedanken über mein Schreiben. Und was von Eddy bleibt, ist jetzt in gewisser Weise lebendiger, wenn auch transparenter, wo sich alles von ihm in meinem Geist zusammenfügt, alles, was ich von ihm haben konnte, & sich zu einer entsprechenden Landschaft formt; ein eigenes Kunstwerk formt.
BIOGRAPHIE QUATSCH ODER KUNST?
Hermione Lee beginnt ihre Woolf-Biographie bezeichnenderweise mit der Frage nach dem Stellenwert des Tagebuchs im Leben der Schriftstellerin; als Barometer der Gefühle, Lagerhaus für Erinnerungen, schriftstellerisches Übungsgelände, Kommentar zur laufenden Arbeit und Sedativ bei Zuständen der Erregtheit definiert sie die «Diaries» und benutzt deren Zwiespalt Tagebuch der Fakten versus Tagebuch der Seele geschickt als Ausgangspunkt ihrer eigenen biographischen Arbeitsmethode.
Hermione Lee, die an der Universität von York englische Literatur lehrt, hat 1996 mit ihrer umfassenden Biographie von Virginia Woolf ein neues Standardwerk vorgelegt, das nicht nur von den Woolf-Forschern weltweit begrüsst wurde, sondern auch die Biographie als literarisches Genre in neue Bahnen lenken dürfte. Zugegebenermassen fürchtete sich Lee am Anfang ihres Unternehmens ein wenig vor der geradezu erdrückenden Fülle des Woolf-Materials und fast noch mehr vor Woolf selbst: «Von Biographen wird erwartet, dass sie den Gegenstand ihrer Untersuchung genausogut oder besser kennen als dieser sich selbst. Die Biographen wollen uns glauben machen, dass es möglich sei, ein Menschenleben zu beschreiben, zusammenzufassen, zwischen Buchdeckel zu packen und zu verkaufen. Virginia Woolf hingegen hat fast ihr ganzes Leben lang behauptet, dass die Idee einer Biographie Unsinn sei Quatsch, wie sie gern sagte.»
Das Resultat von Lees fünfjähriger Forschungsarbeit ist nun in der sorgfältigen Übersetzung von Holger Fliessbach auch für deutschsprachige Leser zugänglich. Von Claudia Wenner seinerzeit eingehend an dieser Stelle gewürdigt (vgl. NZZ 14. 6. 97), besticht diese Vita durch die ausserordentlich raffinierte Gliederung in thematisch abgerundete Kapitel, die nicht zwingend nacheinander gelesen werden müssen. Jedes Kapitel ist einem Fragekomplex gewidmet, der sehr persönlicher Art sein kann Missbrauch, «Wahnsinn», Ehe, Scheitern oder aber literarische Probleme bzw. gesellschaftlich-historische Gegebenheiten ausleuchtet Experimente, Krieg, Geld und Ruhm sind Stichworte dieser Art.
Zwar folgt Lee einem strikten linearen Ablauf mit den konventionellen biographischen Zäsuren (etwa dem Tod des Vaters 1904, der den Beginn von Woolfs Erwachsenenleben und die Entstehung von Bloomsbury markiert), doch schränkt sie die Beschreibung nie auf die Fakten ein, sondern wagt subjektive Interpretationen und zieht Sekundärliteratur bei, um gleichzeitig auch ein Stück Rezeptionsgeschichte aufzuarbeiten; dabei gilt ihr Augenmerk speziell den psychoanalytischen und feministischen Ansätzen, deren Theoretiker Woolf nicht selten als Galionsfigur ihrer jeweiligen Ansichten missbraucht haben. Lees unbelasteter Umgang mit Theorien der nicht mit Unkenntnis gleichzusetzen ist, sondern im Gegenteil von einer Distanz wahrenden Weitsichtigkeit zeugt macht einen grossen Teil des Reizes ihrer Biographie aus. Nicht zuletzt aber verfügt die Autorin über einen klaren und mitreissenden Stil, der die Lektüre von Woolfs Leben zu einem Vergnügen und intellektuellen Abenteuer macht.
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