Der Untertitel des Buches macht deutlich, worum es der Autorin geht: um die Einflüsse des erlebten Mißbrauchs auf das Werk von Virgina Woolf und ihr Leben. Dabei setzt sie unter drei Aspekten an: an der Darstellung des Familienlebens, die Kindheits- und zuletzt die Jugenddarstellungen in den Werken selbst. Als Quellen werden nicht nur diese, sondern auch autobiographische Darstellungen, Briefe, unveröffentlichte Skizzen und andere Biographien herangezogen. Das Bild, das sich ergibt, ist erschreckend. Der sexuelle Mißbrauch der Mädchen im Haushalt Stephen durch die beiden Halbbrüder dauerte über viele Jahre, und die Hilferufe Virginia wurden als "Wahnsinn" abgetan. Doch es geht noch um mehr als den physischen Mißbrauch (schon schlimm genug), es geht um ein grundsätzlich patriarchalisches Konzept der Herabwürdigung und Vernachlässigung von Kindern im allgemeinen (auch der Jungen), Mädchen im besonderen. DeSalvo exerziert, was auch Woolf tut: Sie stellt das Erlebte in einen komplexen gesellschaftlichen Zusammenhang, der diese Lebensgeschichte zu einer Analyse der Zeit gerinnen läßt über das Einzelschicksal hinaus. Aber nicht nur diese scheinbar ganz normale Grausamkeit und Allgegenwart des Mißbrauchs in jeder Dimension ist erschreckend, sondern auch der Zugang der BiographInnen, die noch in den 80er Jahren die Normen der viktorianischen Gesellschaft und die Bewertung Woolfs durch deren Zeitgenossen zu übernehmen scheinen.
DeSalvos Biographie ist eine interessante und gut recherchierte Darstellung. Nur im Detail geht sie manches Mal sehr spekulativ vor und zieht den einen oder anderen äußerst waghalsigen Schluß aus den literarischen Quellen. Auch gewisse Redundanzen werden nicht vermieden. Alles in allem aber ist das ein wichtiges Buch für die Analyse von Woolfs Werken und zugleich für die Lebensumstände der englischen Jahrhundertwende. Ein Pflichtwerk, dessen Inhalt man aushalten muß.