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Violinsonaten Nr. 1-4
 
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Violinsonaten Nr. 1-4

Curt Thompson , Rodney Waters , Charles Ives Audio CD
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Produktinformation

  • Komponist: Charles Ives
  • Audio CD (7. Juni 2004)
  • SPARS-Code: DDD
  • Anzahl Disks/Tonträger: 1
  • Label: Naxos (Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs-)
  • ASIN: B00008MLVJ
  • Weitere verfügbare Ausgaben: MP3-Download
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 254.315 in Musik (Siehe Top 100 in Musik)

1. Violinsonat Nr 1-4 - Thompson Curt

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Format:Audio CD
Der Name Charles Ives lockt. War das nicht jener verrückte Versicherungskaufmann, der ein Zweitleben als Komponist führte, und der dabei höchst Originelles, ja Avantgardistisches hervorbrachte? Der, in Strawinskys Bildsprache, den Kuchen der neuen Musik aß, bevor irgendjemand sich zu Tisch gesetzt hatte? Der selbst uns mit allen Wassern gewaschene Hörer immer wieder durch Unerhörtheiten aus dem Sessel warf?
Nun hat das Label Naxos Ives' vier Sonaten für Violine und Klavier herausgebracht, und wer diese Stücke noch nicht kennt, fragt sich natürlich, ob, und wenn ja, wie, Charles Ives auch in diesem Genre Überraschungen bietet.
Der erste Eindruck enttäuscht. Es klingt eben ganz nach traditioneller Violinsonate. Keine umwälzenden neuen instrumentalen Techniken, Vierteltoneffekte oder dergleichen werden aufgeboten.

Europäische Einflüsse

Man kann auch heute nicht mehr nachvollziehen, weshalb der Geiger Milcke beim ersten Probespiel mit Ives von "schrecklichen Tönen" sprach. Denn auch stilistisch ist die europäische Tradition gegenwärtig. Allerdings sperrt Ives sich gegen eine eindeutige Kategorisierung. Ist das Impressionismus? Zumindest passagenweise outet sich Ives als "Neuengland-Impressionist" (Chase), lässt mit farbigen Akkorden und gesanglichen Linien zarte Stimmungen entstehen. Aber Impressionismus im Stile der Franzosen ist es sicher nicht. In einem Gemälde Ivesschen Stils würden klare, ja eigenwillige Linien und erdige Farben dominieren. Sicher sind es die Eigenheiten der von Ives geliebten Landschaft im amerikanischen Osten, die seinen eigenen ton-malerischen Gestus mitbestimmen.

Mit welchen Komponisten Ives' Tonsprache verwandt ist, erschließt sich jedem anders und ist ein Feld der Musikwissenschaft. Manches erinnert in der gesanglichen Linienführung an Dvorak - der ja besondere Relationen zur Neuen Welt hatte. Die chromatischen Modulationen sind eines Schostakowitsch würdig - nie bleibt Ives einer Tonart länger als zwei Ohrenhorcher treu. Schließlich liebte er es, seine und die akustischen Sinnesorgane des Hörers stets im Training zu halten. Für entsprechend harmonisch vorgebildete Ohren bieten die Sonaten auch diese Option, und es handelt sich um jene Art von Stücken, die sich durch mehrfaches Hören mehr und mehr erschließen. Die für mich erstaunlichste Erkenntnis war die Nähe zu einem anderen Original der Musikgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gemeint ist Erik Satie. Beide verbindet eine impressionistische Ausdruckshaltung, gepaart mit eigenwilliger Melodieführung, und vor allem zweierlei: die Nähe zur populären Musik und der spezifische Humor.

American Tunes

Die Aufnahme folkloristischer Elemente ist es, die - mehr als avantgardistische Neuerungen - ganz besonders die Violinsonaten auszeichnet. Besonderen Reiz hat der Mittelsatz der Zweiten Sonate "In the Barn" (Auf der Tenne), in der die Violine zur Fiedel wird und einen Square Dance intoniert. Neben der Unterhaltungsmusik sind es die Melodien des protestantischen Kulturumfeldes Amerikas, die Ives' thematisches Grundmaterial bilden. Dies führt bei ihm aber nie zu folkloristischer Musik im Sinne etwa der Dvorakschen "Slawischen Tänze". Ives verarbeitet die Weisen der camp meetings stets in seinem eigenen, anti-easy-listening-Stil. Während Dvorak angesichts seiner "Neuen Welt" betonte, keine Originalmelodien verwendet zu haben, ist Ives beim Zitieren absolut nicht zimperlich. Dabei hat er - wie im Beitext von H. Wiley Hitchcock erläutert, eine ganz eigene Weise von motivischer Arbeit entwickelt, die "kumulative Form". Die Originalmelodie wird erst nur andeutungsweise zitiert, um schließlich in voller Gestalt zu triumphieren.
Das typische Augenzwinkern Ives' bleibt nicht aus. Hier sind es etwa die Schlüsse der Sätze, die manchethalben irgendwie unvermittelt abbrechen. Man höre nur das Ende des letzten Satzes der letzten Sonate. Ives hat es nicht nötig, das hier sehr humorvoll und exzentrisch charakterisierte "Shall we gather at the river" ordentlich zu beenden. Er lässt uns am Ende einmal wiedermit offenen Ohren stehen.

Der Erzähler Ives

Das Eigene des Ivesschen Stils ist die Willenskraft, die unbedingte Geführtheit melodischer und harmonischer Linien. Auch das verbirgt sich hinter seinem Ideal "männlicher Musik". Bei aller Stringenz der zuweilen bitonalen Melodieführung bewegt sich Ives in den wilderen Passagen im Grenzbereich zum Chaos - oder sagen wir, zur Anarchie der Selbstbestimmung? Die Wildheit kontrastiert mit der beschriebenen Zartheit. Beides offenbart Ives als tonmächtigen Epiker. Von ihrer Grundhaltung sind diese Sonaten breit angelegte Schilderungen. Es lohnt, sich zurückzulehnen und in die Welten dieses großartigen Erzählers entführen zu lassen.

Es sind vor allem die camp meetings, diese irgendwie alttestamentarischen Versammlungen der amerikanischen Protestanten in den Siebzigern und Achtzigern des 19. Jahrhunderts, wo "die Männer aufstanden und ungeachtet irgendwelcher Konsequenzen sagten, was sie dachten" und wo man sich "eher lautstark als religiös" in den Gesang der Erweckungsweisen steigerte, die Ives gegenwärtig werden lässt. Die Musik macht neugierig und spornt an, mehr über Land und Leute zu erfahren, die hier so menschlich lebendig werden.

Kompetente Interpretation

Die Interpretation ist technisch perfekt und musikalisch ohne Tadel - der Geiger Curt Thompson schrieb nicht ohne Grund seine Dissertation über eben diese Violinsonaten. Rodney Waters meistert die ungeheuren Anforderungen des Klavierparts souverän.
Der Beitext ist wissenschaftlich fundiert und liefert auf zwei Seiten die notwendige programmatische Einführung, ohne die die Sonaten sich nicht voll erschließen. Zugleich ist die ganze Konzeption unprätentiös und schlicht. Gerade deshalb ruft es ein Schmunzeln hervor, wenn unter der CD, ganz patriotisch, die amerikanische Flagge weht.
Wieder einmal erweist sich Naxos als ein Label, das (zu Unrecht) weniger bekannte Werke in unbestechlicher Qualität zu erschwinglichen Preisen anbietet. Lob!
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