Wer Beethovens Violinsonaten in seine Sammlung aufnehmen will, hat wahrlich die Qual der Wahl. Es gibt eine ganze Reihe hochrangiger Aufnahmen, ich nenne beispielhaft Oistrach/Oborin, Grumiaux/Haskil oder Perlman/Ashkenasy, auch Schneiderhan/Seemann (DGG) haben eine sehr gute Aufnahme hinterlassen, sie ist aber leider seit Jahren nicht im Handel.
Die vorliegende 3 CD-Box mit den Einspielungen von Jascha Heifetz, in dem langen Zeitraum zwischen 1947 und 1960 entstanden, entzieht sich eigentlich jedem Vergleich. Ein solch vollendetes Violinspiel habe ich sonst nirgendwo gehört, so großartig die Leistungen der oben genannten Künstler auch sein mögen. Da tut es den Aufnahmen auch keinen Abbruch, daß sie (mit Ausnahme der Kreutzer-Sonate) nur in Mono-Qualität erklingen, und daß keine erstklassigen Pianisten als Partner zur Verfügung standen. In den Sonaten Nr. 1-8 und 10 begleitet Emanuel Bay, in Nr. 9 "Kreutzer" kommt Brooks Smith zum Einsatz. Beide Künstler sind weiters nicht bekannt geworden, zumindest nicht bei uns, und ihre Leistungen lassen auch an manchen Stellen einige Wünsche offen. Aber vielleicht wird gerade dadurch die einzigartige Kunst des Jascha Heifetz noch ganz besonders unterstrichen, obwohl man ohnehin bei diesem fast schon beängstigenden Violinspiel aus dem Staunen nicht herauskommt. Höhepunkte zu nennen ist fast unmöglich, aber ein besonderer Hinweis auf den wilden, vor Leidenschaft berstenden Kopfsatz der "Kreutzersonate" und die Variation II (Disc 3, Take 7) aus deren 2. Satz sei erlaubt, bei deren Anhören mir jedesmal der Atem wegbleibt. Man weiß, um eine schöne Bemerkung von Eduard Hanslick zu zitieren, nicht, "ob man begeistert sein oder das Kreuz schlagen soll."
Aber nicht nur die einzigartige Virtuosität des Geigers ist zu bewundern, auch der geistige Inhalt der Sonaten wird von ihm ohne Abstriche erfaßt. Jeder Liebhaber von Beethovens Violinsonaten sollte sich eine moderne Version (in bester Klangqualität) zulegen, davon ist schließlich auf dem CD-Markt kein Mangel (siehe oben), aber er sollte alles daransetzen, sich zusätzlich das Heifetz-Album zu besorgen. Es lohnt sich, es ist eine echte Anschaffung "fürs Leben".
Wie schon erwähnt, ist die Klangqualität mäßig (was besonders für die Sonaten Nr. 1, 2 und 5 gilt, die 1947 eingespielt wurden), während die Aufnahmen von 1952 schon wesentlich besser klingen. In klanglich gutem Stereoton erklingt die Kreutzer-Sonate, die im September 1960 aufgezeichnet wurde. Das beiliegende Textbuch bietet brauchbare Informationen zu den Werken und einen Lebenslauf von Jascha Heifetz in drei Sprachen. Die Aufnahmedaten und Matrixnummern sind ebenfalls sorgfältig vermerkt. Höchst empfehlenswert!