Die Violinsonate hat eine lange Tradition. Zunächst konzipiert als Alternative zur Sonate für Tasteninstrument solo hievte sie Johann Sebastian Bach auf ein bislang unbekanntes Niveau an Virtuosität und ästhetischer Durchdringung. Der erste Komponist, der als Vater dessen bezeichnet werden kann, was man gemeinhin als Violinsonate bezeichnet, war Wolfgang Amadeus Mozart mit seinen zutiefst intimen und lyrischen Sonaten. Beethoven trat in seine Fußstapfen. Die Frühromantik sorgte dafür, dass diese Instrumentalgattung hauptsächlich zu einem Betätigungsfeld für Virtuosen degradiert wurde, bis der innige Ausdruck in der Hoch- und Spätromantik zurückkehrte. Spätestens mit dem Aufkommen des Impressionismus begann die Violinsonate, als Gespräch, ja, als nahezu sinnlich erotischer Dialog zwischen zwei Partnern zu fungieren. Es geht nun mehr um Stimmung und Empfindung als um Dynamik und (Kompositions)Technik. Bis in die heutige Zeit hat sich dieses Genre bewährt, dessen Facettenreichtum unermesslich ist.
Der Monolith Gidon Kremer (* 1947) hat in seinem Leben sehr viele Violinsonaten aufgenommen, meist zusammen mit Martha Argerich, Oleg Maisenberg oder Valery Afanassiev. Die vorliegende Sammlung enthält Werke von Beethoven, Schumann, Brahms, Busoni, Richard Strauss, Prokofiev, Bartók, Janácek sowie Messiaen und liefert damit einen umfassenden Querschnitt sowohl aus dem Schaffen Kremers als auch aus der Literatur der Violinsonate. Kremers Aufnahmen der Violinwerke Franz Schuberts wurden von der Deutschen Grammophon separat veröffentlicht.
Ludwig van Beethoven hatte ein schweres Erbe anzutreten, als er sich erstmals der Violinsonate zuwandte. Die zeitgenössische Kritik warf ihm bereits hier allzu große geistige Verwirkung vor, was den Komponisten jedoch nicht davon abhielt, weitere, anspruchsvolle Werke dieses Schlages zu schreiben. Bis auf die sogenannte "Kreutzer Sonate", die wohl berühmteste Violinsonate überhaupt, und die leider viel zu unbekannte Sonate op. 96 handelt es sich bei den übrigen acht Sonaten weitest gehend um Frühwerke des Meisters. Die Meisterschaft, die Beethoven jedoch innerhalb dieses Zyklus' erreicht, steht dem eines Mozart kaum nach und sollte künftige Künstlergenerationen nachhaltig beeinflussen.
Kremer spielt hier zusammen mit Martha Argerich. Es handelt sich dabei um die viel gerühmte Aufnahme aus den 80ern und 90ern, die bei der DGG auch einzeln erhältlich ist - zu einem vergleichsweise horrenden Preis. Zurecht, wie man sagen muss, da die beiden Seelenverwandten hier ein Recital der Extraklasse abliefern. Es nimmt nicht wunder, dass diese Farbenvielfalt, diese Perfektion und Eleganz dazu geführt haben, ihre Darbietung als mustergültige Referenz anzuerkennen. Weder Menuhin und Kempff, noch Perlman und Barenboim können mit dieser Noblesse und Leidenschaft mithalten.
Als minderwertige Spätwerke abgestempelt fristen die beiden Violinsonaten Robert Schumanns von jeher ein Schattendasein. Diese beiden verkappten, tiefsinnigen Kammermusikperlen weisen weit über ihre Zeit hinaus und könnten unterschiedlicher kaum sein; und wenn man sie so genial wie Ende der 80er von Kremer mit der Argerich eingespielt hört - so voller Verständnis, Anmut und Authentizität -, vergisst man schnell das Stigma.
Auch Johannes Brahms schrieb drei Violinsonaten, die zum Besten zählen, was er in seinem langen Leben geschaffen hat. Hier deutet sich bereits das an, was er in seinen späteren Klarinetten- beziehungsweise Violasonaten vervollkommnen sollte, nämlich der Schritt von der Technik und Dynamik hin zu Stimmung und Durchdringung. Die zweite Sonate mit ihrer Mischung aus langsamem und Tanzsatz ist geradezu ein Prototyp des brahmsschen Spätstils.
Kremer, der hier an der Seite Valery Afanassievs musiziert, versenkt sich tief in diese bislang unbekannten Ausdruckswelten und bringt sie ehrlich zu Gehör. Der Vortrag bleibt dabei stets ausgewogen, differenziert und transparent. Auch hier ist die Aufnahmequalität aus den späten 80ern hervorragend. Es wäre jedoch vermessen, Kremer und Afanassiev dasselbe Maß an Perfektion und Ästhetik einzuräumen wie ihrerseits Pinchas Zukerman und Daniel Barenboim, deren monumentale Aufnahme für mich allererste Referenz bleibt.
Weniger bekannt ist heutzutage der Komponist Leos Janácek (1854-1928), dessen Violinsonate durchaus als progressiv bezeichnet werden kann. Das kurze Stück ist verschlüsselt und verkappt, das Gravitationszentrum ist eine bizarre Ballade. Kremer, der das Stück Ende der 80er mit Martha Argerich aufnahm, gestaltet das Stück vollkommen transparent und werktreu.
Richard Strauss - das sind Opern und überwältigende sinfonische Dichtungen. Doch der Spätromantiker komponierte vor allem in seiner frühen Schaffensphase auch einige Kammermusiken, darunter die Es Dur Sonate op. 18, die Kremer hier Ende der 90er an der Seite von Oleg Maisenberg packend darbot. Das Herz des Werkes ist der zweite Satz, die sogenannte "Improvisation", ein idyllisches Andante, für das Strauss vorsah, dass es losgelöst vom Rest der Sonate aufgeführt werden konnte.
Auch der italienische Arrangeur Ferruccio Busoni (1866-1924) ist mit seiner zweiten Violinsonate in e moll op. 36a mit von der Partie. Das Stück besteht aus einer tiefsinnigen Einleitung, einer geschwinden Überleitung und einem üppigen, abwechslungsreichen Variationssatz. Afanassiev stellt Kremer die perfekte Basis für nuancenreiches, spannendes, Ende der 80er aufgezeichnetes Spiel bereit, so dass auch dieses weniger bekannte Stück zu einem wahren Kleinod wird.
Der Ungar Béla Bartók (1881-1945) schrieb einige halsbrecherische Stücke für Violine und/ oder Klavier, darunter seine erste Violinsonate. Gidon Kremer bewies Ende der 80er an der Seite Argerichs, dass er es vermag, fingerbrechende Akrobatik fließend und perlend mit tiefer Empfindung zu kombinieren.
Als einer der produktivsten Komponisten des vergangenen Jahrhunderts leistete der Russe Serge Prokofiev (1891-1953) auch einen wichtigen Beitrag im Bereich der Violinsonate. Seine beiden Sonaten plus die "fünf Melodien" zählen zu seinen ergreifendsten und gebrechlichsten Kammermusikwerken. Während die erste Sonate in ihrer Trauer und Wut zu verharren scheint, wirkt die zweite eher heroisch und gelöst. Pittoreske Momente fehlen in keiner Sonate.
Diese Aufnahme vom Anfang der 90er Jahre wurde von der DGG in die Serie der "World's Finest Recordings" aufgenommen. Das hat gute Gründe, denn selten hat man Künstler erlebt, die die typisch prokofievsche Tonsprache besser und genauer erfasst hätten als Kremer und Martha Argerich. Das Raue steht gleichberechtigt neben dem Wilden, das Rohe neben dem Zarten, das Groteske neben dem Harmonischen. Eine geniale Einspielung!
Als Zugabe gibt's einen kurzen Variationszyklus des französischen Tonsetzers Olivier Messiaen (1908-1992), dessen fragile Elemente von der Argerich Ende der 80er brillant zur Schau getragen wurden.
Fazit: Eine bereichernde, fantastische Zusammenstellung, ohne Wenn und Aber empfehlenswert! Ein Highlight einer jeden Klassiksammlung!