Die Beiträge des deutschen Romantikers Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) zum Genre der Violinsonate spielen im Konzertgebrauch quasi keine Rolle. Tatsächlich hinterließ der Komponist zwei frühe Sonaten, ein frühes Fragment sowie eine späte Sonate. Die letzteren beiden wurden sogar erst im vergangenen Jahrhundert entdeckt und konnten sich folglich den ihnen gebührenden Platz im Kammermusikrepertoire noch nicht erheischen.
Die Violinsonaten Mendelssohns sind schon alleine deswegen hochinteressant, da sie stilistisch denen Mozarts sehr ähneln. Den romantisch-wilden Überschwang findet man in nur sehr wenigen Passagen. Selbst die späte Sonate verzichtet fast gänzlich darauf. So kann man es den Interpreten dieser brillanten Aufnahme nur danken, sich diesen Perlen gewidmet zu haben.
1820 schrieb Mendelssohn seine erste Sonate F-Dur, also im Alter von nur etwa elf Jahren. Das Wunderkind stellt in diesem zu Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenen Stück sein ganzes Talent unter Beweis. Auch wenn Konzeption, Ausdrucksgehalt und Ästhetik besonders des langsamen Satzes noch sehr stark an klassische Violinsonaten gemahnen, finden sich zwischen den Zeilen schon typisch mendelssohnsche Klangelemente.
1825 dann entstand die zweite Sonate in f-moll op. 4, die trotz der düsteren Einleitung des Kopfsatzes voller Esprit und Lebensfreude steckt. Im langsamen Satz findet der deutsche Tonsetzer durchaus schon bemerkenswerte Tiefen und das knappe, ungestüme Finale verweist bereits auf die galanten, charakteristischen Scherzi speziell seiner späteren Sinfonien und Streichquartette.
Warum Mendelssohn eine weitere Violinsonate, von der bloß der Kopfsatz in d-moll erhalten geblieben ist, nicht vollendete, gibt Rätsel auf. Die lyrische Eleganz der Einleitung sowie die Frische des folgenden Allegros liefern keinen Grund dafür, dass dieses ebenso 1825 komponierte Werk keinen Abschluss fand.
Das wahre Meisterstück Mendelssohns auf diesem Gebiet ist seine - interessanterweise unveröffentlichte - Sonate F-Dur, die aus dem Jahre 1838 stammt, also eine reife Komposition darstellt. Der umfangreiche Kopfsatz strotzt nur so vor Themenfülle. Auch er steht im Zeichen Mozarts, ist jedoch wesentlich eigenständiger als vormalige Sonatensätze. Von ausgenommener Schönheit ist das Adagio, in dem die Violine sanft über der Klavierstimme zu schweben scheint. Das Finale ist ein typisches Beispiel für den oben bereits angesprochenen romantischen Überschwang, die wilde Wucht, die in Mendelssohns (Kammermusik)Oeuvre so oft begegnet.
Die vorliegende Einspielung durch das Duo Antje Weithaas (Violine) und Silke Avenhaus (Klavier) entstand 2008 für das Mendelssohn-Jahr 2009 und erfreut sich perfekter, glasklarer Aufnahmequalität. Auch künstlerisch ist die Aufnahme voll und ganz gelungen. Abgerundet wird das Programm durch einen kurzweiligen Essay und ein Interview mit sowie Biographisches über die beiden Künstlerinnen.
Beim Anhören der Aufnahme wird der Hörer sofort gewahr werden, dass das Zusammenspiel zwischen Avenhaus und Weithaas beeindruckend innig und vertraut ist. Die beiden loten jede Nuance, jede Klangfarbe, jede Pointe der Kompositionen aus. Es ist deutlich zu spüren, wie intensiv sich die beiden ihren Zugang und ihr Verständnis zu Mendelssohn erarbeitet haben. Sie lassen sich treiben von den wundervollen Klängen der Stücke. Ohne sich über die Partitur hinwegzusetzen, verfeinern die beiden ihr Recital durch differenziert gesetzte Akzente und einen einmaligen Spielfluss. Niemals gerät ihre Interpretation dabei in irgendeiner Weise intransparent.
Fazit: Hier wird eine Lanze für die grundsätzlich vernachlässigten Kammermusiken Felix Mendelssohns gebrochen, und das eindrucksvoll und hoffentlich nachhaltig...