Unter den Klassikern gilt Mozart oft als derjenige, dessen Handschrift sofort in jedem Werk herauszuhören ist. Man könnte demnach meinen, zwei CDs mit Mozarts Violinkonzerten fordern die Langeweile geradezu heraus. Daß dem nicht so sein muß, beweist die vorliegende Gesamtedition mit dem hervorragenden Geiger Gidon Kremer. Er präsentiert Mozarts Konzerte natürlich technisch brillant und so durchsichtig, wie man das erwartet. Aber er nutzt auch jede Möglichkeit, Kontraste herauszuarbeiten. Jeder harmonischer Wechsel erhält eine tiefere Bedeutung. Und so kommen die Konzerte einmal kindlich verspielt daher, einmal zutiefst leidenschaftlich, feine Melancholie wechselt mit rhythmisch akzentuierten, scherzhaften Passagen. Die in der Mehrzahl von Robert D. Levin geschriebenen Kadenzen und Überleitungen arbeiten mit Mozarts musikalischen Bausteinen in durchaus eigenständiger Weise, sind aber nicht von dem Bedürfnis geleitet, das ohnehin unzweifelhafte Können des Solisten herauszustellen. Sie bilden eine Auseinandersetzung mit Mozart, eine Ergänzung, vielleicht eine Art Kommentar. Es ist wohltuend, daß Gidon Kremer darauf verzichtet hat, die technisch schwierigen, dem Werk aber nicht so angemessenen Kadenzen Joseph Joachims zu verwenden.
Ein Höhepunkt der Gesamtedition ist ohne Zweifel die Sinfonia Concertante KV 364 mit Kim Kashkashian als Bratschistin. Mozart gab dem Begriff „Konzertieren" hier seine ursprüngliche Bedeutung von consertum = lat. zusammenfügen (Fischer-Lexikon „Musik") zurück: die Soloinstrumente gestalten einen Wechselgesang, necken sich, klagen miteinander, jubilieren sich zu. Besonders (an-)rührend ist der zweite Satz, das Andante. Hier spürt man die tiefste Trauer, fühlt sich aber auch sonderbar getröstet, so als sei das zweite Soloinstrument der verständnisvolle Partner.
Aus der Reihe der Violinkonzerte verdient meines Erachtens das in A-Dur besondere Erwähnung. Nach dem Orchestertutti zum Beginn löst sich die Solovioline aus der Stille mit lupenreinem Ton - im langsamen, verträumten Tempo, bevor sie jubilierend das Tempo des Orchesters wieder aufnimmt. Diese Stelle hat einen unnachahmlichen Reiz. Stille, besinnliche Freude geht vor dem Jubel her, ein Hauch von Wehmut, ein wenig Ungläubigkeit vielleicht? Um so purer und mitreißender wirkt danach der haltlose Ausbruch der Freude. Hat das nicht jeder in seinem Leben schon einmal erlebt? So nah, so unmittelbar sprechend habe ich Mozart bisher selten erlebt. Eine große Komposition - in einer mitreißenden Interpretation!