Great Violinists: Fritz Kreisler. The Complete Concerto Recordings, Vol. 5: 1. Beethoven, Violinkonzert in D-Dur, op. 61; 2. Mendelssohn-Bartholdy, Violinkonzert in e-moll, op. 64.
Aufführung: 1. Fritz Kreisler, Violine; London Philharmonic Orchestra, Ltg. John Barbirolli. 2. Fritz Kreisler, Violine; London Philharmonic Orchestra, Landon Ronald.
Aufnahmen: 1. Juni 1936 in den Abbey Road Studios, London; 2. April 1935, ebenfalls in den Abbey Road Studios.
Ursprünglich auf Schellack veröffentlicht als HMV DB 2927 bis 2932 und HMV DB 2460 bis 2462. Restauriert und digital aufbereitet von Mark Obert-Thorn. Als CD in 2002 veröffentlicht als Naxos 8.110959. Gesamtspieldauer: 69'48".
Fritz Kreisler, der Inbegriff eines Naturtalents an der Geige, durfte die beiden hier präsentierten Konzerte zweimal aufnehmen, ein Privileg, das in den Pionierzeiten des "Gramophone" nur wenigen Künstlern vorbehalten war. Die erste Aufnahme erfolgte bereits 1926 mit dem Berliner Opernorchester unter Leo Blech (ebenfalls bei Naxos erhältlich), und musikalisch brennt der damals 50jährige Kreisler ein Feuerwerk ab: sein Beethoven, obwohl stellenweise etwas in die Länge gezogen, hat eine Leichtigkeit und einen Glanz, wodurch er sich ein allerbestes Zeugnis ausstellte. Die Begleitung der Berliner ist ebenfalls straff gehalten und hört sich, sofern man die damaligen technischen Verhältnisse berücksichtigt, sehr gut an. Allerdings sind diese technischen Verhältnisse die Achilles-Ferse der Aufnahme: Es gibt ein recht deutlich vernehmbares Rauschen, und das Orchester ist stellenweise eher zu erahnen als wirklich zu hören. Dafür entschädigt Kreislers silbriges Geigenspiel, das stark in den Mittelpunkt gerückt ist.
Bei der zweiten Aufnahme, als Kreisler 60 Jahre alt war, kehren sich die Verhältnisse ein wenig um. Musikalisch ist die Aufnahme, zumindest des Beethoven-Konzerts, nicht ganz so befriedigend. Kreisler bleibt natürlich Kreisler, doch merkt man ihm gelegentlich die Jahre an: Er scheint vorsichtiger, bedächtiger geworden zu sein. John Barbirolli leitet das London Philharmonic Orchestra kompetent zwar, jedoch ohne die Straffheit und Konsequenz eines Leo Blech. Was diese zweite Aufnahme allerdings wieder aufwertet, sind die klanglichen Fortschritte: Im direkten Vergleich konnte ich feststellen, dass diese Aufnahme nicht nur die 1926er in den Schatten stellte (fülliger Klang, präsentes Orchester), sondern sogar die Heifetz-Toscanini-Aufnahme von 1939 übertrumpfte. Mark Obert-Thorn hat mit seiner Überspielung dafür gesorgt, dass man mit ein wenig gutem Willen vergessen kann, dass es sich hier um eine 70 Jahre alte Monoaufnahme handelt.
Was tun also? Bei den günstigen Preisen, die das Haus Naxos ermöglicht, kann man sich, wie ich es getan habe, beide Kreisler-Aufnahmen leisten. (Das Mendelssohn-Konzert ist unter Landon Ronald kein Deut schlechter als die zehn Jahre frühere erschienene Version). Mir hat es großen Spaß gemacht, beide CDs miteinander zu vergleichen. Das geht allerdings am besten über eine gute Stereoanlage vor Lautsprechern, die in der Lage sind, den Monoklang wirklich mittig darzustellen. Des Rauschens der alten Schellackplatten wegen würde ich davon abraten, es mit Kopfhörern zu versuchen.