Romantische Violinkonzerte sind immer wieder ein Fest für die Sinne. In keiner anderen musikalischen Epoche sind derart mitreißende Werke für Violine und Orchester komponiert worden als in jener. Das beginnt bei Beethoven, geht weiter über Mendelssohn und Brahms bis hin zu den Konzerten von Bruch, Tchaikovsky und Sibelius. Auf der vorliegenden Zusammenstellung in sehr guter Aufnahmequalität sind zwei dieser Perlen eingespielt.
Das Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy in e moll op. 64 ist ein frühromantisches Meisterwerk. Über alle Maßen bekannt dürfte der elysische Moment zu Beginn des Konzertes sein, an dem das volle Orchester das Hauptthema von der Violine übernimmt. Der zweite Satz ist ein schlichtes Andante, in dem die Violine weite Strecken über dem Tutti zu schweben scheint. Auch das Finale ist leicht zugänglich, mannigfaltig und entwickelt zahlreiche Seitenthemen, die in ihrer Gesamtheit berücken.
Das einzige Violinkonzert, das es mit Beethovens Monumentalepos aufnehmen kann, ist das von Johannes Brahms in D Dur op. 77. Der vielseitige Kopfsatz wartet zum einen mit einem überwältigenden Thema im Tutti auf und zudem noch mit einem stechenden, Mark und Bein durchzuckenden Motiv. Wiederum gebart sich der langsame Satz als schlicht, feierlich und friedvoll. Das mitreißende Finale fesselt sodann den geneigten Hörer und zelebriert mit demselben einen feurigen Kehraus.
Bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich um ein Prestigeprojekt der Deutschen Grammophon: Mutter meets Karajan in Berlin. Die Orchesterleistung ist famos: Karajans gehendes, farbig und warm nuancierendes Dirigat verleiht den Kompositionen den letzten Schliff. Gekonnt setzt er treffende Akzente. Der viel beschworene Berliner Schönklang verhindert dennoch nicht, dass die Einspielungen absolut differenziert und transparent werden.
Etwas komplizierter wird es da schon bei der Leistung Anne Sophie Mutters: Es ist sicherlich verfehlt, sich aus Prinzip gegen die Paarung Karajan/ Mutter zu verwehren. Die vorliegende Darbietung indes zeigt uns die junge Mutter Anfang der 80er, die sich - besser als heute - in die vorzutragenden Werke einzufühlen wusste, um sie mit einem Hauch Leben zu füllen. Was sie dem geneigten Hörer im Mendelssohn Konzert geigt, ist wirklich aller Ehren wert: Gefühl, Demut, Durchhörbarkeit, Nuance - das ist wirklich beeindruckend. Beim Brahms Konzert verhält es sich da doch etwas anders. Mutter dominiert streckenweise den Orchesterapparat, was nicht im Sinne des Komponisten sein dürfte. Hier mangelt es aber vor allem an Empathie. Technisch brillant erscheint insbesondere das Adagio als unterkühlt. Für dieses Konzert rate ich zur Einspielung durch Gidon Kremer mit den Wiener Philharmonikern unter Leonard Bernstein.
Fazit: Den Brahms muss man nicht mögen; doch alleine für die herrliche Einspielung des Mendelssohn Konzertes lohnt sich die Anschaffung dieser CD.