Ich möchte mich an dieser Stelle einmal an einer möglichst sachlichen Rezension anstelle der vielen "HILARYHILARYHILARY"-Rezensionen zum einen, der ebenso verfehlten abfälligen Pauschalurteile zum anderen versuchen...
Meiner Meinung nach ist es ein gewaltiger Verdienst Hilary Hahns, sich mit ihrer zweifellos brillanten Technik einem lange als "unspielbar" abgetanen Schlachtross wie dem Schönberg-Konzert zu widmen. Dass das Stück nicht nur durch aberwitzige Virtuosität beeindruckt, sondern als Musikstück per se zum Besten gehört, was ich aus der Literatur des 20.Jahrhunderts kenne, gründet sich zum Einen auf Hahns sehr differenzierte Ausdrucksweise und ihre wirkliche Begabung, den Klang ihres Instrumentes sehr schnell geradezu "umschalten" zu können. So gestaltet sie das Konzert sehr abwechslungsreich, mit virtuosem Draufgängertum, wenn es passt, aber auch mit ätherischen Klangwirkungen im filigranen piano-Bereich, wobei ihr leicht gläserner Ton hervorragend zur kühl instrumentierten Partitur Schönbergs passt.
Es liegt aber mindestens zu gleichen Teilen an der wirklich phänomomenalen Leistung und Spielkultur des Swedish RSO. Messerscharfe Akzente, wobei mich besonders die rhythmisch ungeheuer präzisen und fast schon computerhaft genauen Holzbläser im Finalsatz begeistert haben (Oboen!). Auch das Blech fügt sich sehr virtuos und alles andere als schwerfällig in die agogisch fantastisch abgestimmte Interpretation. (Posaunen ebenfalls im Finalsatz). So ergibt sich eine vor allem ästhetisch-klangliche Übereinstimmung zwischen Solist und Orchester, die wirklich beispielhaft ist, und insofern das Urteil einer wirklichen Referenzaufnahme absolut verdient. (Zumal die Konkurrenzaufnahmen wirklich recht dünn gesät sind, und teilweise wirklich schlampig eingespielt wurden). Mit dieser Interpratation erwacht Schönbergs Meisterwerk wirklich aus einer Art Dornröschenschlaf. Fünf Sterne dafür.
Was das Sibelius-Konzert betrifft, entscheidet sich Hahn eher für eine nischenartige Interpretation, dies finde ich begrüßenswert, da die Diskographie dieses Klassikers schließlich schon fast überstrapaziert worden ist, und neue Ansätze dem Werk guttun. Von einer Referenz kann hier hingegen bestimmt nicht die Rede sein, viele Interpretationen wirken homogener. Dies liegt an Hahns eher ruppiger und vielleicht manchmal etwas sehr "gläserner" Herangehensweise im Klang, die neue Aspekte in diesem Werk aufzeigt, aber manchmal etwas überzogen und gezwungen wirken. Im Finalsatz finde ich dies sehr reizvoll, zumal auch diesmal das Orchester hervorragend aufspielt, und sich mit rauer Artikulation und dichtem Bläserklang abermals perfekt an die Solistin anpasst. Im den ersten beiden Sätzen wirken andere Interpretationen einfach beseelter, echter. (Batiashvili). Für meinen Geschmack übertreibt es Hahn auch ein wenig mit dem Vibrato...
Dennoch ist es ein interessanter Ansatz mit vielen schönen Momenten!
Vor allem auf Grund des Schönberg-Konzerts ist der Repertoirewert dieser Aufnahme nicht hoch genug einzuschätzen, und fünf Sterne sind absolut gerechtfertigt, auch wenn es vielleicht noch bessere oder zumindest homogenere Aufnahmen des Sibelius-Konzerts gibt.
Hilary Hahn stellt abermals ihre hohe Musikalität und Eigenwilligkeit heraus, ganz zu schweigen von einer grandiosen Technik und ist immer für Überraschungen gut - das allein halte ich im glatt gebügelten Klassikbetrieb schon für einen großen Verdienst.