Superstar Nigel Kennedy teilt in dem sehr amüsant zu lesenden Booklettext die Musikhörer in zwei Kategorien ein - 1% haben intellektuelle Gründe ("to make a point"), 99% sind mit der Fähigkeit gesegnet, beim Musikhören mit den eigenen Gefühlen Kontakt aufzunehmen. Offenbar muß die Masse der Berufs-Kritiker aus ersterer Gruppe stammen, anders ist kaum zu erklären, warum diese überwältligende CD so oft in Bausch und Bogen verdammt wurde. Verständlich, wer mit dem Kopf an solch eine Aufnahme herangeht, womöglich mit der Partitur in der Hand und der sogenannten 'Referenz'-Aufnahme von Heifetz im Ohr, dem bleibt gar nichts anderes übrig - zu ANDERS klingt diese Einspielung. Dabei geht hier aber nicht - wie bei Kennedy zu erwarten - der Punk ab, sondern es wird im Gegenteil ein fast schon meditativer Brahms geboten. Schon die Ausdehnung zeigt dies. Tennstedt/Kennedy walzen den ersten Satz auf stolze 26 Minuten aus, 8 Minuten mehr als bei 'guten' Interpreten. Und genau das ist die Crux, die Beiden treiben dem Werk damit jegliche romantische Beschwingtheit aus. Schon die ersten Takte der Einleitung verdeutlichen dies. Tennstedt scheint das Orchester jede einzelne Note, jede Phrase betonen zu lassen und zieht damit den Hörer der 99%-Kategorie sofort in seinen Bann. Kennedy steht dem um nichts nach, jeder Bogenstrich, jeder Ton scheint mit einer eigenen spezifischen Aura umgeben zu sein. Die Interpreten nehmen sich Zeit für jedes einzelne Klangereignis, lassen es entstehen, sich entwickeln und wieder ersterben - das Ergebnis ist von betörender Schönheit. Natürlich geht der große Zusammenhang verloren und man hat machmal das Gefühl, die Musik komme jeden Moment zum Stillstand. So what? Ich ziehe diese Aufnahme jeglicher anderer Interpretation vor, welche das Werk vielleicht intellektuell 'besser' erfaßt, spieltechnisch 'kultivierter' darstellt und dabei das Wichtigste und Wesentliche vergißt: Die Vermittlung der Emotionen.